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Hören ist wohl seelische Physik. Desto verstörter wir sind, desto vermurkster ist unser Gehör. Vor einer Woche hatte ich mir – auf zwei Platten – Paul McCarneys «Flaming Pie»-Album zugelegt. Ich hatte die Nase voll von all dieser «ganz speziellen» Musik, hinter der heute weiß der Geier was für «Ideen» und «Konzepte» dahinterstecken, die mich schlußendlich eh nur langweilen, vor allem die Komponisten (Ist dieser Begriff mit dem Wort «Kompost» verwandt?) und Interpreten, die vermutlich, um ihren Ruf aufrechterhalten zu wollen nur heimlich Netflix hören. Ganz einfache Popmusik mußte her.
Flaming Pie
Paul McCartney Ich habe eine Schwäche für Artikel, die Reduziert sind. Action Artikel. Da lag im Bider & Tanner Korb die «Flaming Pie» zum halben Preis. Zugelegt. Pluspunkt: Half Speed Mastering auf einer modifizierten Neumann VMS-80 Lathing Machine. Und genug breite Rillen, damit es nicht zu Frequenzeinbußen kommt. Früher mußte man darauf achten, daß man nicht zu viel Baß zu pressen versuchte, das schleuderte dann den Tonarm zur Spur raus. Also wurden hier alle Stücke auf vier Plattenseiten verteilt, statt auf nur zwei. Schön, die Musik. Auf Anhieb kam sie nicht an. Auffällig ist, daß es keine klanglichen Senstionen gibt. Und im Dreiviertel-A4 Booklet wird darauf hingewiesen, daß es ein Album, das am Spaß an der Sache entstanden war. Natürlich ist es nicht Beatles, sowas steht niemand auf die Dauer durch. Es ist ein nettes, angenehmes Album. Und beim zweiten Mal Hören ist es noch besser verständlich. Angenehmes Listening, mehr will es nicht sein, das ist es. Wie man so sagt: Sauber gestrickt. Und das Album klingt wirklich gut. Nichts ist überbetont. Die Gitarren zeigen Klarheit und die McCartney Stimme klingt weich und – eben wie eine Stimme, weist keinerlei Übertreibungen auf, die man auf «modernen» Platten antrifft.
Dvořák: Cello Concerto in B minor,
Eine wahre Fundgrube für «klassische» Musik ist prestomusic. Für mich als Klassik-Einsteiger hat es dort immer wieder was zu Beißen. Suchbegriff: Jacqueline du Pré.Op. 104 Jacqueline du Pré (cello) Chicago Symphony Orchestra, Daniel Barenboim. Es würde den Rahmen sprengen, hier über sie zu schreiben. Als Cellistin hat sie auf jeden Fall so etwas wie eine Abgottstellung. Es entsteht in mir die Vorstellung, daß es Menschen gibt und gab, die der Welt eine so intensive Kunst schenkten, daß es ihr Leben massiv verkürzt hat. So auch in ihrem Fall. Auf Presto zu haben ist unter Anderem das berühmte Dvořák Cellokonzert in B. Am Cello spielt Jacqueline du Pré, begleitet vom Chicago Symphony Orchestra, dieses dirgiert von ihrem damaligen Ehemann Daniel Barenboim. Man bekommt dazu noch Dvořáks «Stille Wälder». Ich will hier gar nicht über diese Stücke schreiben, vielmehr über den Klang. Jacqueline du Prés Spielweise ist für mich ein einziger Zauber, ganz besonders fällt mir auf, wie sie fast wie in einem Multitrack zu spielen scheint, eine Spur blendet aus während eine andere heranschleicht und allmählich in den Vordergrund tritt. Man ist ja allgemein einen gewissen Klang des Digitalen gewohnt. In diesem Fall scheint man die damaligen Bänder digitalisiert zu haben, somit hat man auch den Klang dieser Zeit mitgebracht. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1970, aufgenommen im Medinah Temple Chicago. Sie klingen – ein unschöner Begriff — antiquiert. Die überwältigende Präsenz der vermutlich zum Einsatz kommenden Neumänner und Schöpse geben keinen Spielraum für links Abschwenken oder rechts Überholen. Da ist etwas Fixes. Der «neumodische» Klang, wie wir ihn kennen, ist voller, wohliger. Ich scheine hier etwas zu vermissen, das man erst heute erreichen kann. Technisch gesehen leben wir in eine wunderbaren Zeit. Wie wäre das wohl, hätte man eine Jacqueline du Pré heute aufgenommen? Die Weite und Tiefe, die uns eine 768 kHz Aufnahme ermöglicht, wäre eine Plattform ihrer würdig gewesen. https://www.prestomusic.com/classical/products/8364837--dvorak-cello-concerto-original-jacket |
Elgar: The Starlight Express
Auch auf prestomusic zu finden ist «Elgar: The Starlight Express». Zwei Stunden und 17 Minuten britische Hochkultur. Basierend auf den phantastischen Roman «A Prisoner in Fairyland» von Algernon Blackwood schrieb Violet Pearn ein Kindertheater mit dem Titel «The Starlight Express», das von Sir Edward Elgar mit leichter Musik untermalt wurde, musikalischen Strukturen, die seinem Werk «The Wand of Youth» nicht unähnlich sind. Die Geschichte wird von einem Sprecher vorgetragen, dazu hat es weiters einige Lieder.Elin Manahan Thomas (soprano), Roderick Williams (baritone) & Simon Callow (narrator) Scottish Chamber Orchestra, Sir Andrew Davis Blättert man durch das Begleitheft, das dankenswerterweise den ganzen Text anbietet, so bin zumindest ich froh, daß ich da mitlesen kann. Mir ergeht es hier wie mit so manchem – vor allem aus der Neuzeit stammenden – Filmen, in denen ich dem Dialog nicht wirklich folgen kann. In diesen Filmen eher wegen des elenden Gemurmels und Herumgeslangs – im Vergleich zu den theaterschauspielerisch vorgetragenen Dialogen älterer Filme – für mich kaum zu verstehen, ohne auf helfende Untertitel abschweifen zu müssen. Im «The Starlight Express» wird der Vortrag zu sehr von der musikalischen «Untermalung» verschluckt. Was schade ist, denn Simon Callows so richtig britisches Englisch mit den wellenartigen Schwüngen ist extrem hörenswert. Und plötzlich, nach einer Weile scheint die Musik einzubrechen, wird weiter in den Hintergrund gezogen – die Sprachverständlichkeit profitiert ungemein. Blättert man durch das Begleitheft, dann sieht man ein Team von Handwerkern an einem Studer Pult sitzen und hantieren. Was geschah da? Gab es da ein vor und nach der Mittagspause? Was soll's: Über zwei Stunden britischer Genuß. https://www.prestomusic.com/classical/products/8024236--elgar-the-starlight-express
Crescent
Frans de Rond steht auf keinem Podest. Die Aufnahmetechnik ist ja schließlich keine Sportveranstaltung. Da ist jeder für sich und jeder für alle. Denk ich, sollte es so sein. Es gab ja auch einen fünften Beatle. Das war Sir George Martin, der am Pult war und aus den Fab Four ein universelles Ereignis machte. Aus einer Rock'n'Roll Band wurde das, was vermutlich aus Mozart geworden wäre, hätte er hundert Jahre später gelebt. Hier arbeiteten die Musiker und der Produzent als Einheit, keiner konnte ohne den Anderen existieren. Auch ein Brian Wilson mußte staunend vor einem George Martin dasitzen und zuschauen, wie er das Mischpult zum Klavier machte. Die Pianistin Atzko Kohashi, der Kontrabaß-Spieler Tony Overwater und der Produzent Frans de Rond bilden hier – hier und auch einmal mehr – eine musikalische Einheit. Atzko Kohashi und Tony Overwater sind die Musikanten. Ihr spiel ist völlig unaufdringlich, verhalten und wird von einem sensationslüsternen und krachundpoltersüchtigen Zuhörer gar nicht wahrgenommen. Der Sadhu, der hier im rechten Augenblick vorbei schlendert, bleibt stehen.Atzko Kohashi – Piano Tony Overwater – Kontrabaß Frans de Rond verleiht hier dieser allerfeinsten Musik die Aufnahmetechnik, die eine solche Musik verdient. Diesem musikalischen Fresko wird die Plattform verliehen, die sie schlichtweg verdient. Sein Audioformat heißt hier DXD, 352 kHz Samplingfrequenz bei 32 Bit. Ich muß gestehen, meine Anlage schafft nicht mehr als 192 kHz bei 24 Bit (Anmerkung: Inzwischen komme ich auf dieses Maximum ...). Es bleibt immer noch genug Frequenzleistung übrig, daß mich diese Musik umhüllt wie eine Decke aus äthiopischer Baumwolle. Das hier ist das perfekte Zusammenspiel der Mikrophone, der Wandler und der technischen Handhabe. Das haben die Musiker verdient und erhalten. https://www.soundliaison.com/index.php/studio-masters/1036-crescent-atzko-kohashi-tony-overwater Edward, 1. April 2023 Weiterführende Literatur Ein hervorragendes Interview mit Jan Sieveking, Fachmann für Spezial-CDs: https://www.lowbeats.de/jan-sieveking-im-interview-zu-cd-xrdc-sacd-und-co/ |
