Die Etikette
Ein Pleonasmus:
Aus der Kronenzeitung.
Mordalarm in der beliebten Kurstadt Baden vor den Toren Wiens: Am Montag fanden Beamte der Polizei die Leiche einer älteren Dame in ihrer Wohnung in der 25.000-Einwohner-Stadt in Niederösterreich. Die Leiche der 81-jährigen Frau war mit massiven Schädelverletzungen tot aufgefunden worden.
Kommentar: Maucaurel1
Die Leiche wurde tot aufgefunden?
The End: There is nothing worth clinging to. It can all be gone. My person too.
Room for something new.
10. Mai 2025
D
as Leben könnte zu einer Existenz führen, in der man als Artifakt in einem Eisblock verharrt. Generell ist man mit einer gewissen Beweglichkeit und auch «Bewegungsfreiheit» versehen. Generell: Man ist installiert. Man ist zu einer Komponente geworden, die im Rahmen einer Matrix funktioniert: es ist nicht klar, ob als nützliches Rädchen oder als Störfaktor. Da die Grenzen fließend sind, können wir Rädchen mit Störfaktor oder auch Störfaktor als Rädchen sein. Diese Komponente im Snakes and Ladders halten wir aufrecht, vor der Geburt, während der Geburt, nach der Geburt und mit dem Todesvorgang. Die zweite Komponente ist das Ich-Bewußtsein, das Zentrale in unserem Leben, das große Wichtig, der Sammelpunkt, der Blickpunkt, die Instanz. Dieser Zusammenschluß einer Handvoll Komponenten wurde mit einem Namen versehen, der uns in der Regel ein Leben lang begleitet und die Nummer darstellt, mit der wir aufgerufen werden. Aufgerufen. Von wem?
Je nach Bewegungsfreiheit sitzen wir hilflos am Fleck und fliegen – getrieben von unseren eigenen Vorhaben oder der Vorhaben Anderer – durch die Welt, hüpfen mit einem Flugzeug von Punkt zu Punkt, wo wir uns, wie am ersten Punkt, in mikroskopisch kleinen Maßeinheiten bewegen, getrieben von unseren eigenen Vorhaben oder von den Vorhaben Anderer. Rein äußerlich gesehen ist das kompletter Schwachsinn. Von außen betrachtet, sind selbst die «großen» Sprünge mit dem Flugzeug im Universum kaum abzumessen. Maßstab Universum: Wir stehen still, wie ein Artifakt in einem Eisblock, eingegossen in einem Plastikbehälter aus Zeit und Raum.
9. März 2025
Poetry leads to typography. Typography is read. The reader forgets what he had read because he dies.
I don’t build on all of that.
Die Bewegungen im Inneren, in der seelischen Welt (– was für ein gefährlicher Ort!) und der geistigen Welt, der Bewegungen im この世 oder あの世, pflügen uns den Pfad zurecht, auf dem wir säen, ernten und frohlocken, weil wir anscheinend belohnt wurden oder wehklagen, weil alles bachab ist. «Alles Walzer» sagen Sie in Wien zum Opernball, «Alles Unterhaltung» sage ich zu unseren Vorhaben. «Belohnungen für die Sinne» sagen die Hare Krishnas, und dann entsteht noch der schwammige Begriff «übersinnlich». Kurz und gut: Der Maßstab entscheidet. What you want is what you get, alles braucht seine Zeit, also: Soll ich mich mit den Zeitabläufen und deren Diagramme verheddern? In der unendlichen Stumpfheit meiner Daseinswahrnehmung habe ich ja kaum Einblick in diese Meßwerte. Und die Skalen sind ohnehin kaum zugänglich. Der Urmeter aus Paris gilt ja nur solange man daran glaubt, daß dieser Meter immer gleich lang ist. Was Zeit angeht, forget it.
Meine Selbstverliebheit hat ganz andere Ziele. Die hat sich erfreut an der großen Kultur meiner Erfahrungen und Erlebnisse. Ich beziehe mich dabei auf dieses Leben mit der Nummer Edward. Bläff. Mit dem Einsetzen der Wahrnehmung in der Kindheit und der bescheidenen Entfaltung der Wahrnehmung bis zum heutigen Tage, obwohl deren Entwicklung durch maßlose Faulheit meinerseits und immensen Anstrengungen von Außen gehemmt wurde, kamen doch immer wieder Sternstunden zur Erblühen, die mein persönliches Theaterstück in ungeahnte Tiefe brachten. Mit jeder Amplitudenveränderung stand ich als Ochs vor dem geöffneten Tor und dachte, sie sei geschlossen. Was jetzt? Ist alles klar oder zieht die Stumpfheit als Fahnenträger auf dem Esel in die Stadt der rechtschaffenen Niemandsmenschen als anerkannter Held im Rahmen des Palmwedelfestes ein? Sorry, Esel.
Ich hatte darauf gewartet. Die Sechzigerjahre brachten die große Versprechung. Sie versprachen, daß alles anders sein würde. Anders und viel besser als jemals zuvor. Leider wurde das von der internationalen Schlagerindustrie abgewürgt. So am Rande.
Viel wichtiger: Das Theater – das persönliche Weltentheater – fand unerwartet neue Impulse. Plötzlich war alles da, was mich unendlich beschäftigen könnte. Ich stellte mir keine Fragen wie: «Wie soll ich bloß die Zeit hernehmen, mich mit all dem zu beschäftigen?» Es war einfach da und man konnte sein Mickonien an diesem Aufbauen. Der Narr auf dem Esel fand gefallen an den Wenigen, die ihm zujubelten – bis sie sich anderem zuwendeten, meist der internationalen Schlagerindustrie.
Der Kaiser von Mickonien, der siegreiche Held mit dem Wavingtree Banner zog ein in die Mickon’sche Hauptstadt und sah, daß es gut war. Und gut blieb. Das, werte Damen und Herren, war die magische Aussage: Es blieb gut. Weder Faulheit noch Schlagerindustrie konnten dem etwas anhaben. Das gut sein und gut bleiben ist ein transzendentaler Zustand, ein Mandala, das sich in unendlichen Schichten in und um sich selbst bewegt, jeder Einflußnahme zu trotzen scheint und eine unendliche Amplitude mehrdimensionaler Natur vorweist. Bläff wird zum Aha. Wunderbare, transzendentale Unterhaltung. To be Voodoo or not to be. Bis dann wieder alles vorbei ist. Gut so, es ist mühsam, ewig einen Esel zu reiten.
Mehr als Kriechen liegt nicht drin.
11. Mai 2025
U
nd doch. Wir schleppen diesen schweren Rucksack mit uns, den Rucksack: «Und doch.» Was auch immer wir uns vornehmen, die Sache wird in kurzer Zeit verblüht sein (wieder taucht die Zeit auf) und unser Tun (meist) in Vergessenheit geraten. Es hat wohl keinen Sinn, sich die Frage zu stellen, ob denn irgendwas einen Sinn hat. Diese Anfragen überlasse ich denen, die unter der Erde kriechen, wenn wir selbst schon die Gelegenheit haben, hoffentlich über der Erde zu kriechen. Gekrochen wird immer. Ja, und wenn wir schon kriechen, dann bitte mit Anstand. Untereinander das Gesicht zu verlieren ist eine Sache, aber sein Gesicht gegenüber dem Universum zu verlieren, das ist dann wirklich tragisch.
The essential of it all is the wonderful. Better to be a hero than limp yourself through life.
Durch das Dasein kriechen zu müssen ist eine Sache, aber hinkend zu kriechen, das ist wirklich eine Schande. Das Dasein scheint ja aus einer schier endlosen Kette von Wiederholungen zu bestehen, in sich geschlossene Kreise, die einen Takt bilden. Der Takt ist nie perfekt. Vermutlich auch nicht die rhythmische Wiederholung einer Drum Machine, die ist dem Ungelenken der Zeit ausgeliefert. Für die Schwankungen hatte die Linn sogar einen Humanizer eingebaut. Wer trommelt, wer musiziert, kennt den Takt. In meinem DAW habe ich immer das Metronom ausgeschaltet, die Takte entstehen über die Hände. Nicht abschweifen! Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Eine neue Wiederholung beginnt. Müssen wir uns mit den Wiederholungen beschäftigen? Ihren Wert? Müssen wir für diese Inhalte eine Belohnung erhalten? Nein. Wichtig ist: Wir haben es getan. Getan – und unser Werk betrachtet und bemerkt: «Es ist gut.» Ist es nicht gut, oder ist es noch nicht gut, dann do it again. So wie es Bruce Swedien an den Auratone Boxen praktiziert hat.
Bis es so gut ist, daß die Verzweiflungstat ein Ergebnis liefert, das dafür sorgt, daß eine flüchtige Zeitspanne lang das Herz nicht im üblichen ewigen Kummer leiden muß. Das würde zu einer chronischen Depression führen. Der Techniker, der das erste Cure Album produziert hatte, beobachtete seine Klientel und kam zum Schluß, daß es wohl furchtbar anstrengend sein muß, so konsequent deprimiert sein zu müssen. Andere Geschichte.
Helden werden nicht auf dem Schlachtfeld ausgerufen. Die Leute, die man so bezeichnet, sind nur Fiktion, Gestalten, die als Werbeträger auf Plakaten für den kaltblütigen Egoismus von heruntergekommenen Staatsapparaten herhalten müssen. Nach so vielen Jahrtausenden muß ich feststellen: Es gibt nur Schurkenstaaten.
Ich bin unschuldig, ich darf den ersten Stein werfen, ich bin Held, aber unbewaffnet. So etwas wie ein Guitar Hero.
Es geht hier nicht um Helden. Es geht hier um Täter und Tat. Das Opfer gibt es hier nicht. Nur den Täter: Ich. Wer auch immer Ich. Und die Taten des Ich. Täter klingt nach Verbrecher. Ist der Verbrecher nicht zurechnungsfähig, dann ist es kein Täter mehr. Oder doch? Schon verzweigt sich die Schlangenzunge. Situation: Die Tat ist kein Verbrechen, sondern nur Tat. Die böse Tat resultiert aus den Bedürfnissen, die wir in grauer Vorzeit erschaffen haben, dazwischen liegt das große Vergessen. Wer hat das alles vorbereitet? Diese Person muß ein Gesicht gehabt haben, einen Namen, einen Wohnort, ein Leben, ein Dasein: vergessen. Wozu behalten? Wozu den ganzen Staub behalten?
Lese ich ETA Hoffmann, dann wurde sein Werk von einer Instanz geschrieben, deren Körper zwar nicht verschwunden ist, aber irgendwo in Erde und Nahrung verteilt ist, inzwischen jahrhundertelang. Lese ich ETA Hoffmann, dann freue ich mich an seiner vollendeten Sprache – eventuell an dem gepflegten Satz und an den Illustrationen. Lese ich ETA Hoffmann, dann werde ich in eine Zauberwelt mitgenommen. Wie wunderbar. Sein Werk hat ewiglichen Wert (wenn auch nicht ewig, oder?). Solange es dafür Leser gibt, wird es Menschen geben, die an seinen Werken Freude haben.
Was ist, wenn das niemand lesen will? Niemand drucken? Niemand beachten? Ist die Welt ärmer geworden? Es muß schlußendlich einen ETA Hoffmann nicht kümmern, denn mit seinem Ableben hat er ETA Hoffmann materiell aufgeben müssen, die Etikette ETA Hoffman auch, denn diese existiert nur mehr als Hauch im あの世. Wo, das weiß ich nicht.
Es bleibt noch eine Frage zu beantworten: «Gibt es lebende Leichen?». Eindeutig, jede Menge davon. Damit ist der Kreis geschlossen und wir können weiter die Kronenzeitung lesen.
E.T.A. Hoffmanns erzählende Schriften in einer Auswahl. Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1831.