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Image: Eventsitzung Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, Sitzungsprotokoll.
 

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Beiträge:

Wie oft hören und wie?
Hörqualitäten
Paul McCarney – Flaming Pie | Dvořák: Cello Concerto in B minor, Op. 104 –
Jacqueline du Pré | Elgar: The Starlight Express | Crescent – Atzko Kohashi / Tony Overwater

Ein Wort für Zappa
Aus «The Real Frank Zappa Book»

In der Konditorei
Über die Ordnung in der Ausrüstung – 01
Miklocker | t.bone SCV 3000 | Ashly Electronics

Excitement
Das Aufregende im Klang
 




Wie oft hören und wie?

Hören ist wohl seelische Physik. Desto verstörter wir sind, desto vermurkster ist unser Gehör. Vor einer Woche hatte ich mir – auf zwei Platten – Paul McCarneys «Flaming Pie»-Album zugelegt. Ich hatte die Nase voll von all dieser «ganz speziellen» Musik, hinter der heute weiß der Geier was für «Ideen» und «Konzepte» dahinterstecken, die mich schlußendlich eh nur langweilen, vor allem die Komponisten (Ist dieser Begriff mit dem Wort «Kompost» verwandt?) und Interpreten, die vermutlich, um ihren Ruf aufrechterhalten zu wollen nur heimlich Netflix hören. Ganz einfache Popmusik mußte her.
 



Paul McCarney – Flaming Pie.
 
Ich habe eine Schwäche für Artikel, die Reduziert sind. Action Artikel. Da lag im Bider & Tanner Korb die «Flaming Pie» zum halben Preis. Zugelegt. Pluspunkt: Half Speed Mastering auf einer modifizierten Neumann VMS-80 Lathing Machine. Und genug breite Rillen, damit es nicht zu Frequenzeinbußen kommt. Früher mußte man darauf achten, daß man nicht zu viel Baß zu pressen versuchte, das schleuderte dann den Tonarm zur Spur raus. Also wurden hier alle Stücke auf vier Plattenseiten verteilt, statt auf nur zwei.
 
Schön, die Musik. Auf Anhieb kam sie nicht an. Auffällig ist, daß es keine klanglichen Senstionen gibt. Und im Dreiviertel-A4 Booklet wird darauf hingewiesen, daß es ein Album, das am Spaß an der Sache entstanden war. Natürlich ist es nicht Beatles, sowas steht niemand auf die Dauer durch. Es ist ein nettes, angenehmes Album. Und beim zweiten Mal Hören ist es noch besser verständlich. Angenehmes Listening, mehr will es nicht sein, das ist es. Wie man so sagt: Sauber gestrickt. Und das Album klingt wirklich gut. Nichts ist überbetont. Die Gitarren zeigen Klarheit und die McCartney Stimme klingt weich und – eben wie eine Stimme, weist keinerlei Übertreibungen auf, die man auf «modernen» Platten antrifft.
 
 



Dvořák: Cello Concerto in B
minor, Op. 104.
Jacqueline du Pré (cello)
Chicago Symphony Orchestra
Daniel Barenboim.
 
Warum erwähne ich das? Ich wage hier den Sprung in die digitale Welt. Nicht die des Streamings, die der Downloads. Ich habe gerne meine eigene Sammlung, auch wenn sie «nur» digital ist. Klingt sie besser? Sie klingt anders. Vielleicht kühler? Kann durchwegs sein.
 
Eine wahre Fundgrube für «klassische» Musik ist prestomusic. Für mich als Klassik-Einsteiger hat es dort immer wieder was zu beißen. Suchbegriff: Jacqueline du Pré.
 
Es würde den Rahmen sprengen, hier über sie zu schreiben. Als Cellistin hat sie auf jeden Fall so etwas wie eine Abgottstellung. Es entsteht in mir die Vorstellung, daß es Menschen gibt und gab, die der Welt eine so intensive Kunst schenkten, daß es ihr Leben massiv verkürzt hat. So auch in ihrem Fall.
 
Auf Presto zu haben ist auch das berühmte Dvořák Cellokonzert in B, am Cello Jacqueline du Pré, das Orchester das Chicago Symphony Orchestra, dirgiert von ihrem damaligen Ehemann Daniel Barenboim. Man bekommt dazu noch Dvořáks «Stille Wälder». Ich will hier gar nicht über diese Stücke schreiben, vielmehr über den Klang. Jacqueline du Prés Spielweise ist für mich ein einziger Zauber, ganz besonders fällt mir auf, wie sie fast wie in einem Multitrack zu spielen scheint, eine Spur blendet aus während eine andere heranschleicht und allmählich in den Vordergrund tritt.
 
Man ist ja allgemein einen gewissen Klang des Digitalen gewohnt, in diesem Fall scheint man die damaligen Bänder digitalisiert zu haben. Und damit den Klang der Zeit mitgebracht. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1970, aufgenommen im Chicagoer Medinah Temple. Es klingt – ein unschöner Begriff — antiquiert. Die überwältigende Präsenz der vermutlich zum Einsatz kommenden Neumänner und Schöpse geben keinen Spielraum für links Abschwenken oder rechts Überholen. Da ist etwas Fixes. Und doch: Der neumodische Klang ist voller, wohliger. Ich scheine inzwischen hier etwas zu vermissen, das man erst heute präsentieren kann. Technisch gesehen leben wir in eine wunderbaren Zeit. Wie wäre das wohl, hätte man eine Jacqueline du Pré heute aufgenommen. Der Spielraum, den uns eine 768 kHz Aufnahme ermöglicht, wäre eine Plattform, die ihrer würdig gewesen wäre.
 
https://www.prestomusic.com/classical/products/8364837--dvorak-cello-concerto-original-jacket
 



Elgar: The Starlight Express
Elin Manahan Thomas (soprano),
Roderick Williams (baritone) &
Simon Callow (narrator)
Scottish Chamber Orchestra,
Sir Andrew Davis
 
Auch auf prestomusic zu finden ist «Elgar: The Starlight Express». Zwei Stunden und 17 Minuten britische Hochkultur. Basierend auf den phantastischen Roman «A Prisoner in Fairyland» von Algernon Blackwood schrieb Violet Pearn ein Kindertheater mit dem Titel «The Starlight Express», das von Sir Edward Elgar mit leichter Musik untermalt wurde, musikalischen Strukturen, die seinem Werk «The Wand of Youth» nicht unähnlich sind. Die Geschichte wird von einem Sprecher vorgetragen, dazu hat es einige Lieder.
 
Blättert man durch das Begleitheft, das dankenswerterweise den ganzen Text anbietet, so bin zumindest ich froh, daß ich da mitlesen kann. Mir ergeht es hier wie mit so manchem – vor allem aus der Neuzeit stammenden – Film, in dem ich dem Dialog nicht wirklich folgen kann. In diesen Filmen eher wegen des elenden Gemurmels und Herumgeslangs – im Vergleich zu den theaterschauspielerisch vorgetragenen Dialogen älterer Filme – für mich kaum zu verstehen, ohne auf helfende Untertitel abschweifen zu müssen. Im «The Starlight Express» wird der Vortrag zu sehr von der musikalischen «Untermalung» verschluckt. Was schade ist, denn Simon Callows so richtig britisches Englisch mit den wellenartigen Schwüngen ist hörenswert. Und plötzlich, nach einer Weile scheint die Musik einzubrechen, wird weiter in den Hintergrund gezogen – die Sprachverständlichkeit profitiert ungemein. Blättert man durch das Begleitheft, dann sieht man ein Team von Handwerkern an einem Studer Pult sitzen und hantieren. Was geschah da? Gab es da ein vor und nach der Mittagspause? Was soll's: Über zwei Stunden britischer Genuß.
 
https://www.prestomusic.com/classical/products/8024236--elgar-the-starlight-express
 



Crescent
Atzko Kohashi – Piano
Tony Overwater – Kontrabaß
 
Frans de Rond steht auf keinem Podest. Die Aufnahmetechnik ist ja schließlich keine Sportveranstaltung. Da ist jeder für sich und jeder für alle. Denk ich, sollte es so sein. Es gab ja auch einen fünften Beatle. Das war Sir George Martin, der am Pult war und aus den Fab Four ein universelles Ereignis machte. Aus einer Rock'n'Roll Band wurde das, vermutlich Mozart gewesen sein würde, hätte er hundert Jahre später gelebt. Hier wurden die Musiker und der Produzent eine Einheit, keiner konnte ohne den Anderen existieren. Auch ein Brian Wilson mußte staunend vor einem George Martin dasitzen und zuschauen, wie er am Pult klavier spielte. Die Pianistin Atzko Kohashi, der Kontrabaß-Spieler Tony Overwater und der Produzent Frans de Rond bilden hier – einmal mehr – eine musikalische Einheit. Atzko Kohashi und Tony Overwater sind die Musikanten. Ihr spiel ist völlig unaufdringlich, verhalten und wird von einem sensationslüsternen und krachundpoltersüchtigen Zuhörer gar nicht wahrgenommen. Der Sadhu, der hier im rechten Augenblick vorbei schlendert, bleibt stehen.
 
Frans de Rond verleiht hier die Gegenwart mit der technischen Ausführung, die gute Musik verdient. Eigentlich mehr, aber das ist dann nur Lob aus der Begeisterung heraus. Hier wird der Musik die Plattform verliehen, die sie in der heutigen Zeit braucht. Sein Audioformat heißt hier DXD, 352 kHz Samplingfrequenz bei 32 Bit. Ich muß gestehen, meine Anlage schafft nicht mehr als 192 kHz bei 24 Bit. Es bleibt immer noch genug Frequenzleistung übrig, daß mich diese Musik umhüllt wie eine Decke aus äthiopischer Baumwolle. Das hier ist das perfekte Zusammenspiel der Mikrophone, der Wandler und der technischen Handhabe. Das haben die Musiker verdient und erhalten.
 
https://www.soundliaison.com/index.php/studio-masters/1036-crescent-atzko-kohashi-tony-overwater
 
     Edward, 1. April 2023
 
 
Weiterführende Literatur
Ein hervorragendes Interview mit Jan Sieveking, Fachmann für Spezial-CDs: https://www.lowbeats.de/jan-sieveking-im-interview-zu-cd-xrdc-sacd-und-co/
 
 
Fortsetzung in der zweiten Spalte



Ein Wort für Zappa

Ach wie wunderbar: Man kann zu seinen Arbeiten ein Tagebuch führen. Es ist, als würde man seine Träume aufschreiben, aufzeichnen, in Ton modellieren (in diesem Fall Audioton). Zum Glück gibt es die vielen Vorbilder aus der Vergangenheit, allen voran in diesem Fall Frank Zappa, der – wie all diese anderen – seinen Kollegen in seinem Buch «The Real Frank Zappa Book» wertvolle Ratschläge gibt. Nur zu: liest das ganze Buch. Hier ein kleiner Ausschnitt:
 

 
«A composer is a guy who goes around forcing his will on unsuspecting air molecules, often with the assistance of unsuspecting musicians.
...
 
You don't even have to be able to write it down. The stuff that get's written down is only a recipe, remember?
...
 
Just follow these simple instructions:
 
[1] Declare your intention to create a 'composition'.
[2] Start a piece at some time.
[3] Cause something to happen over a period of time (it doesn't matter what happens in your 'time hole' – we have critics to to tell us whether it's any good or not, so we don't worry about that part.)
[4] End the piece at one time (or keep it going, telling the audience it is a 'work in progress').
[5] Get a part-time job so you can do stuff like this.»
 
Frank Zappa • The Real Frank Zappa Book / 1989 Poseidon Press, Seite 162
 

 
Zeitepoche und Modernität sind sekundär. Ich scheue nicht den Aufwand, mich mit uralter, oft jahrzehntealter Technik herumzuschlagen. Auch ich schwimme und strample mit in diesem heutigen Strom des Neuauflebens sogenannter Vintage-Technologie. Sie ist wunderbar, und die alte Technik steht ohnehin Pate für die vielen Plugins, die heute entwickelt werden. Warum sonst würde eine IGS Audio einen Federhall für zweieinhalb Tausend Euro im Sortiment anbieten (Springtime)? So steht nun auch ein Amplifier Company Of America Tube Limiter im Rack bei mir. Niemand weiß etwas über diese Maschine. Und wenn sie nur Kleinigkeiten zu liefern vermag, sie schaut wunderbar aus, ein Stück Steampunk wohl. Aber wenn dann ein Stück (endlich) fertig sein wird, dann schau ich, daß ich den Mixdown auf einer neuen, guten Maschine mache. In diesem Fall eine PrismSound Lyra 2. Man könnte über solche Entscheidungen endlos diskutieren, aber in diesem Fall: Es ist meine Entscheidung. Meine Technikalia.
 
«This is the Tardis. And it belongs to me.»
Dr. Who
 



In der Konditorei

Es ist wie in einer Konditorei. Nun, die Süßigkeiten haben eine Ummantelung aus Metall und Plastik. Es ist eine etwas andere Industrie, aber ein ähnliches Handwerk. Egal, was es ist, Mikrophon, Entzerrer, Effekt oder Klangerzeuger, alles ist möglichst geschützt und geordnet untergebracht. Der Herr Ober lauft hin- und her und bringt Auserlesenes.
 
So lebt der Studioorganismus, der Wunsch des Technikers geht zum Kellner, dieser gibt die Bestellung auf und eilt mit dem Artifakt herbei. Es geht nicht, daß etwas unauffindbar ist. Es ist ärgerlich, Stunden unserer Lebenszeit mit unnötigem Suchen zu verbringen. Wenn man so viel zur Verfügung hat, dann muß es zur Session parat sein. Das große Handwerk ist leicht auffindbar, der Emax-Sampler ist unübersehbar, die Baßboxen sowieso. Und dann hat es noch Effektboxen, Adapter, USB-Sticks und winzige Dinger wie die Wavelab-Lizenz. Das ist eine halbe Katastrophe, wenn sowas unauffindbar ist. Die Koffer sind angeschrieben, die Schachteln und Säcke auch, die Steckfelder selbstverständlich. Das Klangparadies ist nicht vom Himmel gefallen.
 



Für den Einsatz parat: Griff genügt.
 
Niemand kann mir sagen, was ich zu tun habe. Das ist ein unglaublicher Luxus. In den alten EMI-Studios liefen die Techniker in einem weißen Kittel mit Krawatte herum. Dazu hatten sie Logbücher. Da stand für jeden Aufnahmefall, für jede Aufnahmesituation die Anleitung. Welches Mikrophon, welcher Anschluß, welche Abstände zum Mikrophon, der Winkel etc. Daran hielt man sich eisern, bis die Beatles kamen und Sir George Martin. Ich habe kein solches Logbuch, bestenfalls Richtwerte, die ich umgehen oder außer Acht lassen kann. Der Nachteil ist: Wer weiß, was dabei herauskommt. Der Vorteil: Man macht ungeahnte Entdeckungen.
 



Drei geöffnete Koffer.
 
 
Die Struktur der Ordnung ist das beste Mittel, die Entdeckungsreise unbeschadet zu vollziehen. Das beginnt schon an der mentalen Absicherung, wenn die Idee entstanden ist und zur Umsetzung drängt. «Also brauche ich ...» entsteht zu irgendeiner unvorhergesehener Zeit. Man stelle sich vor, in dem Luxus schwelgen zu können, vor der Auslage einer Konditorei zu stehen und man muß nur mehr wählen. Eigentlich ist es wie Isakaia in Japan. Auf der Speisekarte hat es viele, viele kleine Gerichte (mit Bild und Kalorienangabe!), die man zu seiner Bestellung hinzufügt. Hier: ein Röhrenmikrophon (bestimmte Marke), ein neutraler Preamp, über AUX ein bestimmter Effekt. Oder: ein bestimmter Synthesizer (kann ja auch ein Plugin-Klangerzeuger sein), Output über einen Preamp, Röhrenverzerrer, Moog-Pedal, was auch immer. Die Phantasie diktiert, die Ordnung hat alles parat gemacht, ein Griff ins Regal genügt. Danach beginnt das Verbinden. Zum Glück sind die Kabel genauso geordnet. Vorher hat man für gute Kabel gesorgt. Wackelkontakte sind Hochseiltänze für die Nerven.
 



t.bone SCV 3000.
 
Jetzt beginnt der wichtige Teil. Man ist mit der Seele dabei. Man ist mit der Technik befreundet – und kennt seine Freunde. Man hat ja schon einiges mit ihnen aAufgenommen. Oder viellicht nur erkundet, wie sie klingen, diese (eventuell neuen) Bekanntschaften. Manchmal hat man den Eindruck, sich von einer solchen Bekanntschaft trennen zu müssen. Muß man nicht unbedingt. Vor vielen Jahren hatte ich mir ein t.bone SCV 3000 zugelegt, das Mik hatte sogar eine eigene Schatulle. Es machte Eindruck und war riesengroß, so groß, daß die Halterung neu gemacht werden mußte. Aber oje, es klang überhaupt nicht wirklich nach irgendwas und begann sehr schnell zu verzerren. Ein Zeichen dafür, daß es einen sehr starken Output hatte. Damit verbrachte es viele Jahre in einem Wäschekorb. Bis ein Grace Design Preamp ins Haus kam, es stammte aus einem Projekt der Formation Pear Jam, und die brauchten es nicht mehr. Schauen wir mal, wie der ultracleane, high-end Grace Design Vorverstärker mit dem SCV 3000 zurechtkommt. Danach suchte ich nach einem zweiten SCV 3000. Weder auf Reverb noch in eBay war etwas zu finden. Was für ein seltenes Stück.
 



Alle Ashlys in einer Kiste. Alle Komponenten über
Steckfeld verbunden.
 
Ich bin kein Markensammler. Es hatte sich einfach so ergeben – während der Zeit, als mein Sinnen von dem Begriff «Vintage» wie besessen war – daß ich einiges aufhäufte, was die Etikette «Ashly» trug. Als kleines Kuriosum nebenbei: Die Hersteller wählten den Namen, weil er mit «A» begann, damit waren sie in den Verzeichnissen meist weit vorne. In der Regel waren es EQs und Kompressoren für den Live-Gebrauch. Sie sahen vertrauenserweckend aus, robust gebaut und klangen grobkörnig mit einem Zuckerguß aus Noisefloor. So what. Das sage ich immer wieder, kommt genug Pegel ins Rohr, dann hat man das halbe Problem gelöst, den Rest macht eventuell der Drawmer.
 
Grobkörnig ist hier das Schlagwort. Die Elektrogitarre bekommt hier einen altmodischen, knackigen Klang. Die Klangverarbeitung bewegt sich hier im präsenten Bereich. Jeder drängt sich ein wenig in den Vordergrund.
 
Warum so viel Hardware? Sie mag einige Zeit schlafen müssen, bis sie aus dem Dornröschenschlaf geholt wird. Jedesmal, wenn der Kellner mit seiner Bestellung unterwegs ist, kann man immer damit rechnen, daß es Kaffee und Kuchen der besonderen Art gibt. Das ist ein vielschichtiger elektronischer Luxus. Es heißt von den Abbey Road Studios, daß sie alles haben, was sie jemals besaßen. Sie verkaufen nichts. Und wissen, warum.
 
 
     Edward, 31. März 2023




Excitement
 
D ie Übersetzung von excitement ins Deutsche ist «Aufregung». Das Wort «Aufregung» klingt völlig anders als «excitement». Wenn man «excitement» als «Aufregung» in einem Zusammenhang bringen will, dann muß man eine umständliche Erklärung hinzufügen. Hier ist sie, notwendigerweise: Es ist das, was man empfindet, wenn man ein Weihnachtspaket in den Händen hält und nicht weiß, was drin ist.
 
Meine Maschinen habe viele Knöpfe, diese verursachen Wirkungen in dem, was ich aufnehme. Diese Wirkungen sind zum Teil rein technischer Natur, sie dienen dazu, Korrekturen am Gehörten vorzunehmen. Sie decken aber auch einen anderen Bereich ab. Sie setzen einen Vorgang in Bewegung, der etwas bewirkt, was ein leichtes Erschrecken auslösen könnte. Nichts Unangenehmes, eine Prickeln, eine Spannung bis hin zur «excitement». Das ist es. Das ist der Motor. Das ist, was mich bewegt, so viele Kabel an so viele Maschinen anzuschließen, so viel Aufwand zu treiben, weil, nach langem Forschen und Ausprobieren, dann diese Spannung erzeugt wird. Es reiht sich Spannung an Spannung.
 
Eine Stimme wird präsenter als in der Wirklichkeit. Oder ein Fingerschnippen versetzt Dich in einen Schwarzweißkrimi aus den Sechzigern (ohne das übersteuerte Panikgeschrei der Opfer). Ein Rimshot liegt direkt vor der Nase des Zuhörers. Ein Streichersatz taucht als Fläche auf aus einem imaginären Teich. Das ist es, womit wir den Zuhörer fesseln sollten. Musik kann nur Gebrauchsmusik sein, Muzak, Anregung zum Verkauf eines oft minderwertigen Produkts – die meisten Produkte sind minderwertig. Wenn aber jeder Klang vergeistigt ist, dann steckt ja, wie es der Name ausspricht, Geist dahinter. Die Ambiente vergeistigter Musik ist Spannung, Aufregung, Vorfreude auf mehr, Faszination. Dahinhoppelnde Ballett-Tänzer sind eine Plage, so wie Eso-Musik. Eine fesselnd ausgeführte Handbewegung ist höchste Unterhaltung. Es gilt, die Instrumentierung eines Musikstückes spannend einzufangen, dann ist der Zuhörer angehalten innezuhalten; während dieser hört, begleitet dann sein Atem den Atem des Gehörten.
 



Das Audio-Video-Racksetup.
Vorderseite.
 
Es gibt keine digitale Musik. Digitale Klangverarbeitung ist ein Aufschnitt, so fein der Aufschnitt sein mag, es hat dennoch Spalten zwischen den Scheiben. Bis zu einem gewissen Grad täuscht uns die Feinheit des Aufschnittes darüber hinweg. Doch am Anfang des Klangs steht ein analoges Ereignis, nach jeder Bearbeitung – sei sie analog oder digital – ein analoges Ereignis, das uns über die von der Musik verursachten Schwingungen als analoges Ereignis unsere Wahrnehmung erreicht. Die tausend Knöpfe, an denen ich drehe, diese setzen Steuerspannungen in Bewegung, kleine elektrische Impulse, diese sind analoger Natur. Sicher hat es auch die digitalen Steuerungen, dennoch steht am Ende der Kette immer ein analoger Ausgang. Und da hinten unten, da irgendwo im Orchestergraben, stehe ich, der die Knöpfe dreht und den Fluß der Steuerspannungen zu einem Gemälde zusammenfaßt. Damit der Zuhörer «excitement» erlebt. Dazu muß er aber schon wirklich zuhören, sich die Zeit dazu nehmen. Am besten ungestört. Entspannt konzentriert. Dann flackert das Schattenspiel der Aufnahmen vor dem Auge seines Ohres.
 
     Edward, 29. März 2019