Night Food Market

Der Night Food Market an der Waterfront.
 



Zanzibar
Teil 1
Zwischen Afrika und Orient

Ankunft
Der übliche Kulturschock

Wenn man schon des Öfteren Indien besucht hat, erschreckt man fast ab der Ähnlicheit, die man Antrifft, wenn man – wie üblich viel zu warm angezogen, da man der unterkühlten Atmosphäre des Flugzeuginneren ausgesetzt war – per Kleinbus zum Guesthouse chauffiert wird und einmal mehr verfallene und verfallende Häuser erblickt.
 



Back to Features


Waterfront
Abend zur Ankunft, Zanzibar von schönster Seite.
 
Ähnlich aber doch anders.
 
Wenn man schon des Öfteren Indien besucht hat, erschreckt man fast ab der Ähnlicheit, die man Antrifft, wenn man – wie üblich viel zu warm angezogen, da man der unterkühlten Atmosphäre des Flugzeuginneren ausgesetzt war – per Kleinbus zum Guesthouse chauffiert wird und einmal mehr verfallene und verfallende Häuser antrifft und all diese kleinen Läden, die die Straßen säumen. Nun: In Sachen Ernährung könnten mir schon gewisse Probleme begegnen, wenn man den so angenehmen Vegetarismus Indiens gewöhnt ist und plötzlich der fleischfressenden afrikanischen Horde ausgeliefert ist. In erster Linie jener Horde, die sich nicht darum kümmert, daß es soviel Respekt gegenüber der leidenden Kreatur geben könnte, daß die Konsequenz wäre, sie nicht brutal zu halten und danach zu schlachten. Vielmehr schien es eher Sitte zu sein, wie sich mir ein den Massai entstammender Krieger zu verstehen gab, den ich in einem Schlagzeugladen angetroffen hatte (so hatte er sich zumindest verbal ausgewiesen): "Sehe ich eine Kuh, dann sehe ich keinen Freund, sondern etwas, das in meinen Magen gehört." Insofern ist ein Hund in Zanzibar wirklich ein Hund, bzw. ein armer Hund, der den Begriff des Hundelebens schlichtweg definiert. Doch dies ist nur der erste Kulturschock: der des Vegetariers und Tierfreundes. Jener Kulturschock, dem der Vegetarier bis vor nicht allzulanger Zeit auf der ganzen Welt (außer in hinduistischen Ländern) leider fast ganzheitlich ausgesetzt war, auch in Wien, wenn er verzweifelt etwas aus seiner persönlichen Wahrnehmung Vernünftiges zum Essen gesucht hat. So darf ich Wien lobenswert als bereits auf bestem Wege zu einer wahren Zivilisation betrachten, da sich dort meine Situation sehr gebessert hat. Es bleibt noch nachträglich zu ergänzen, daß einer von zehn Massai auf Zanzibar echt ist.
 



Zanzibar Doors
Geschnitzte Türe aus dem Museum.

Schoolgirls im Schoolhof
Fröhliche Gesichter im Schulhof. Irgendwie passen die Pinguinkostüme nicht so recht dazu. Aber anscheinend ist das so Sitte.


Wo niemand Freddy Mercury kennt

Kehren wir auf die staubige Straße nach Stone Town zurück. Nachdem mein Gepäck bei der Einreise einen Blitzcheck erfahren hat und meine vielgereiste Betacam SP ebenfalls unversehrt den Weg von Amsterdam über Mombasa nach Zanzibar überstanden hatte und das Objektiv all der Eindrücke harrte, auf das es sich nun einstellen mußte, bis auf den buchstäblichen Dropout im Busch.
 
Die zweiundzwanzigjährige Annie aus Brighton kümmerte sich um das Guesthouse wenn die Chefin nicht da war, die Chefin tat das allerdings nach ihrer Ankunft aus München mit durchgreifender afrikanischer Eleganz und ließ in kürzester Zeit das Gesamtbudget in Baumaterialien (sinnvoll) und Bier (weniger sinnvoll) versinken. Wir sind aber immer noch nach Stone-Town unterwegs: Begleitet wurde Annie von ihrem neuseeländischen Boyfriend, der auf Zanzibar auf der Suche nach einer Stelle in einem Hotel unterwegs war. Erster Zwischen-Stop: Darajala Market. Annie muß einkaufen, ihr Freund bleibt beim Auto, dem Parkplatz ist nicht unbedingt zu trauen: Vor dem Auto malt ein Junkie magische Symbole auf den Boden. So sehen sie jedenfalls aus, diese Malereien. Einkaufen erledigt, Fahrt nach Tunguu, ins Botanic. Annie bittet mich, darauf zu achten, zwei Dinge möglichst zu vermeiden: einen Unfall zu erleiden oder krank zu werden. Das Spital in Stone Town akzeptiert nur Barzahler (also genug Geld für sowas übrig haben) und außerdem verdient es die Bezeichnung Spital nicht, es habe zwar drüben in Dar Es Salaam auch ein Spital, aber da müßte man mich erst einmal hinschiffen und außerdem sei das nächste ernstzunehmende Spital in Nairobi. Und dorthin müßte man mich erst einmal hinfliegen.
 
Mein Zimmer ist riesig und hat zwei große Betten mit Moskitonetzen und ein großes Bad mit halbwegs warmen Wasser. Meistens hat es auch Strom, darüber freuen sich besonders alle meine Ladegeräte. Ich bin verwirrt, ich verstehe den afrikanischen Groove nicht. Der übliche Kulturschock setzt jetzt richtig ein.
 
 
Neonröhre
Ein elektrisches Gespenst in den
Baumwipfelns des Zanzibar-Botanic
Gartens: die überall so
beliebte Neonröhre.
Ich bin dankbar dafür, daß sich Annie darüber freut, daß ich nicht die übliche Touristenroute abklappern will, weil sie das eh schon auswendig kennt und ich freue mich darüber, daß ich hier jemand habe, der schon über ein Jahr da ist und mir sagen kann, was ok ist, und was nicht. Also Afrika kommt langsam an den weißen Muzungu heran. Ein Muzungu ist ein Fremder und ich natürlich ein weißer Muzungu. Also keine Uniformen ablichten. Keine Fahnen fotografieren. Keine Regierungsgebäude filmen. Und vor allem keine Drogen kaufen, denn im nächsten Gebüsch sitzt der dazugehörige Polizist und wird dich in Flagranti erwischen, dir einen Haufen Scherereien bereiten und dann mit dem Dealer die Tantiemen teilen. Und sei ja nett zu jeder Uniform, wie in Japan, nur noch netter.
 
 
Der Rasta und ich.
Mein Guide, Disman, und ich .
Da der mir ursprünglch zugewiesene Guide wegen familiärer – oder was auch immer – Probleme ausfällt (wobei er es natürlich nicht unterläßt, mich um raschelnde Unterstützung für sein Problem zu bitten), wird mir ein Verwandter zugeteilt. Was ich zunächst einmal bedaure, da mir Guide Nummer 1 als zanzibarisch-geschichtlich gewandt empfohlen wird. Allerdings entpuppt sich sein Ersatzmann als äußerst wach, aufmerksam und interessiert. Dissman ist ein afrikanischer Rasta. Damit können wir uns schon mit den Verschiedenheiten der Rastas in ihrem Umfeld kurz beschäftigen.
 
 


Botanic am Abend
Schön: Nach Tschinn, Bumm und Krach wieder "nach Hause" zu kommen und das Essen steht schon auf dem Tisch. Botanic am Abend.  
 
Verfallende Mauern
Alles zerfällt auf Zanzibar, die Atmosphäre ist so aggressiv, daß alles schnell zerfällt. Das Hauptproblem eines neu gebauten Hotels ist oft, daß ab einer gewissen Zeit die Überlebensdauer der Installationen alle zusammen ihr End Of Life erreicht und vieles gleichzeitig ausfällt.

Der Rastafari-Kult, wie allen eingefleischten Reggae-Fans bekannt sein durfte, hat seinen Ursprung auf Jamaika und basiert auf der Verehrung von Haile Selassie von Äthiopien als Gott und Erlöser einer in Babylon leidenden schwarzen Nation. In Laufe der Zeit verzweigten sich daraus Rasta-Richtungen, die sich manche mehr, manche weniger mit den religiösen Motiven beschäftigten. Zum Einen wurde zwar überall der Begriff Rasta über die bekannten Erkennungsmerkmale der Dreadlocks, der äthiopischen Flaggenfarben und des Reggae bzw. des Dancehall oder Ragamuffin (Bin ich noch up to date?) weitergeführt, bekam aber vielerorts eher eine politische Funktion im Sinne einer schwarzen Befreiungsbewegung oder die Funktion einer Identitätssuche der schwarzen Nation, was zu einem Aufbegehren gegen rassistische Unterdrückung führte bis hin zur Ablehnung der Weißen als Unterdrücker, Kolonialisten und Diener eines päpstlich gesteuerten Babylons. So wie Rasta während der Rassenunruhen zur Punk-Zeit in England für viele Schwarze weniger Religion (die ja auf Jamaika lebendig praktiziert wird!), vielmehr rassische Selbstfindung (ein gutes Wort, das ganz dem damaligen Zeitgeist entspricht) und politischem Befreiungskampf im Sinne der Black Muslims oder Black Panthers entsprach.
 
Was aber bei Dissman auffiel, war, daß sich hier etwas kundtat, was eigentlich schon wieder etwas Tragisches an sich hat. Nun will ich nicht das totschweigen, was alles in unseren eigenen First-World-Schulen an Unsinnigem unterrichtet wird, aber die Ausbildungsmöglichkeiten in Afrika, und so auch auf Zanzibar sind nun mal schlichtweg minim und die Möglichkeiten, sich weiterzubilden, sind auch äußerst eingeschränkt. An dieser Stelle darf ich nicht verschweigen, daß Zanzibar auch über eine Universität verfügt. Aber über diese weiß ich nichts, auch hatte ich sie nicht aufgesucht. Mangels weiterführernder Schul- und Ausbildung schien man sich also mit einer Mixtur aus allem Erhältlichen aus diesem Dilemma befreien zu wollen. So vermengt sich das Rasta-Weltbild – das aus tiefmystischem, alttestamentarischer Dramaturgie schöpft – mit der gegenwärtigen Geschichtsschreibung, besonders jener, die aus Selassies Zeit stammt, bis hin zur Jetzt-Zeit und kreiert so eine majestetisch anmutende Abstammungslinie der schwarzen Nation, die ihren Platz in einer Geschichtsschreibung sucht, die, allgemein gesehen, von Kolonialismus, Sklaverei und Zweitklass-Cityzenship geprägt ist. Schon allein die Situation der Schwarzen und Araber in Frankreich ist ein äußert trauriger Blues, dabei ist das ja sogar Europa, von dem behauptet wird, es sei zivilisiert. Was auffiel, war Dissmans Wissensdrang, gepaart mit dem Wunsch endlich einmal die kleine Insel zu verlassen, was ihm noch nie möglich gewesen war. Ich hätte ihm gerne mehr erzählt über Welt, Land und Leute, aber Afrika ist anstrengend genug und mein Schweigen hatte oft seine Ursache darin, unter gewaltiger Reizüberflutung zu leiden. Und sowas beginnt schon einmal damit, der archaischen Brutalität des Labyrinths von Stone-Town ausgesetzt zu sein, denn der Aufbau seines Straßennetzes ist oft selbst für langjährige Bewohner rätselhaft und für den Neuankömmling ein Quartalangriff auf die Sinne, wie es auch in Indien stattfindet, nur sind diese Eindrücke schon wieder völlig fremd, denn das mir völlig unbekannte Muslimische tut das seinige hinzu und die Vermengung des Animismus mit dem Islam mit dem Reggae und mit den umherirrenden Weißen "It's so exciting, isn't it?" gibt schlußendlich ein relativ wirres Bild, das ich mir mit der Lektüre von "Rundwanderwege durch den Wienerwald" von Günther Schützl etwas zu entschärfen versuchte.
 
Index


Zwischen Afrika und Orient

Zeichnen und Staunen

Der Buschdoktor


Videos

Taarab Konzert

Klublokal
Zanzibar Cultural Musical Club

Mzee Ame Kuamba

Medizinmann (Waganga)
in Unguja Ukuu
Vollständiger Vortrag
(Kiswaheli mit Übersetzung
ins Englische)

Beim Fleischer

Fleischmarkt, Darajala Market, Stone Town

Taarab Probe

Dow Country Academy of Music

Kidumba Probe

Dow Country Academy of Music

Steinbrucharbeit

Kiesherstellung, unmenschlich


Wohnen auf Zanzibar
 
Enge Gasse

Gasse in Stonetown
 
Hütte

Typische Dschungelhütte
 
Baustangen

Der Baumarkt (für die einfacheren Bauten)
 
DDR-Siedlung

Zanzibarische DDR-Siedlung
 
Sofas im Museum

Sissis Sitzplatz
 
Sofas im Museum

Mein Bettchen
 
An den obigen Photographien läßt sich die Vielfalt des Wohnens auf Zanzibar ablesen. Ob in den eingen Gassen Stonetowns oder in einer Hütte am Waldesrand, hängt von Glück und Geschick ab. Zum Teil hat es auch am Rande von Stonetown Siedlungen, die die Einheimischen "Little Berlin" nennen, weil sie anscheinend so etwas wie eine kleine DDR-Siedlung in Afrika repäsentieren.
 
Ganz anders lebten die Sultane und Herrschenden: in überquellendem Prunk. Da wirkt mein Bettchen im Zanzibar Botanic etwas bescheidener, dennoch hatte ich einige Schlafstätten zur Auswahl ...
 

 
Trompeter

Auf Zanzibar ist überall Musik, und am Hafen unten spielt noch ein Trompeter wehmütige Weisen.
 

©2008 Wavingtree Gardens / Jede Reproduktion nur mit ausdrücklicher Genehmigung