Studio Project    The Windows Sonettes 



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Ausflug nach Pepperland



Diverse Auslagen aus dem weihnachtlichen Paris.

Das surreale Theater der Auslagen in Paris, von oben links nach rechts unten: ein unbekanntes Lokal an einem nicht mehr nachvollziehbaren Ort mit verhohlen grinsenden Kugelfischen, eine animierte Puppenband an der Galerie Lafayette, Weihnachtsbeleuchtung am Weg zur Arc, Schneiderladen gegenüber der Oper mit britischen Nadenstreifen aus Huddersfield zu 1600 Euro der Meter, ein unheimliches Krippenbild aus einem Reisebüro, zwei Voodooköpfe aus einer Kunstauslage, Schokolade in der Nacht.
 
 
Wie ein Regenguß zum vorweihnachtlichen Windowshopping: Die Windows Sonettes orientieren sich an einem Streifzug durch das vorweihnachtliche Pepperland, jenem Alternativliverpool aus dem Yellow Submarine Kinofilm. Es ist völlig unberechenbar, was einem da in einem Schaufenster in Pepperland begegnen kann. So wie dieses Krippenbild in einem Reisebürofenster in Paris, das so unheimlich ist, weil die Puppen alle schreckgeweitete Augen haben. Und im Lokal nebenan fand ein Weihnachtsessen statt mit uralten Leuten, die so staubig und alt aussahen, als würden sie tagsüber in einem Sarg schlafen. Vielleicht eine Hinterlassenschaft der Blue Meanies? Und dazu poltert eine Puppenband in der Galerie Lafayette. Ein Regenguß verbreitet Melancholie und verzieht sich wieder. And I wander on, looking through my jam tart eyes.
 

Regieanweisungen.

Während der Regieanweisungen an Lara Bachmann während der ersten Aufnahmen der Realinstrumente, die zu den Synthesizern und EMU Vintage Keys, die die Mellotronklänge liefern, hinzugelegt werden. Sie bittet mich vor allem darum, das "fffvvvvhhhh" leiser zu schalten auf den Monitoren ...
 



Audiogeschichtliches

So hie und da steppe ich durch die Presets meiner Synthesizer oder Effektgeräte. Natürlich ist das in erster Linie geprägt von der Freude an den Klängen, die da zutage kommen. Die meisten Synthesizer sind in der regel mit 0815-Klängen vorprogrammiert, die man so nach und nach mit den wirklich interessanten Sounddesigns ersetzt, die man selbst zusammenwerkelt. Ein wirkliches Arbeiten wird niemals zustandekommen, weil die Materie zu komplex ist und die Möglichkeiten so vielfältig, daß man ohnehin nie so wirklich mehr sein kann als Forscher, der mit dem Zufrieden sein kann, was an Experimenten von der Natur bewilligt wird. Etwas anders ist es mit der Sammlung an Vintage-Instrumenten, die einem vom EMU Vintage Keys angeboten werden. Die sind nun mal fix und damit hat man lediglich die Aufgabe, die Klänge zu erkunden. Änlich verfuhr ich mit dem EMU Audity 2000, der vor allem für seine komplexen Arpeggiatorfunktonen eine gute Figur macht. Und weil da einige so schön verstaubt klingene Mellotroncellos und Mellotronflöten auftauchten, begann ich diese Dichtung und wähnte mich dabei in einem von Sir George Martin dirigierten Orchesterwerk. Ich geriet immer mehr in eine pepperlandesque Stimmung und hatte vier Stücke skizziert. Was nun? Es kam mir mickrig vor, weiterhin mit synthetischen Klängen zu arbeiten, also begann ich Instrumentenspieler zu suchen, die Baustein für Baustein diese Dichtungen vervollständigen sollten.
 

 
Die Flöten und die Geigen

Lara Bachmann singt in einem Chor und spielt Flöte. Also holte ich sie für diverse Sessions ins Studio und sie komplementierte bereitwillig die synthetischen Klänge mit ihrer echten Flöte. Mein Aufnahmesetup geriet außer Rand und Band: Es war kaum zu beschreiben, was ich da alles zusammenband, und das für eine einzelne Flöte. Es sollte gut klingen, es sollte natürlich klingen und es sollte alt klingen. Es mußte knarren wie eine alte Beatlesaufnahme aus den Abbey Road Archiven, unabgestaubt und etwas übertrieben filmisch.
 

 
Setup marke mad für eine Flöte.
Lara brachte Anina Schärer mit, die sich bereit erklärte, einen Geigenpart zu spielen. Wir hatten noch keine Notationen, Anhaltspunkt waren nur die Aufnahmeteile mit den Vintage Keys und dem Audity 2000. So tasteten wir uns Note für Note an das Arrangement heran. Was, wie üblich, bei mir erschwerend hinzukam, war, daß ich nie ein Metronom oder einen Klicktrack gebrauchte, damit waren die rhythmischen Strukturen den üblichen notorischen Schwankungen ausgesetzt, und ein Ansatz kam nie auf die gleiche Art zum Einsatz wie der vorangegangene oder der darauffolgende. Eine Trickkiste: aber auch das, was die unberechenbare Musikalität der Aufnahme ungeheuer anhebt, wenn es auch seinen Preis hat. Aber: Es ist eine Freude zuzusehen, wie die beiden konzentriert den Stücken mit jedem Schritt tiefer in die Aufnahme der Ausführung Leben zuhauchen.
 
Allmählich gerieten wir an unsere Grenzen und das dritte Stück erweis sich als zu schwierig, es ohne der Zuhilfenahme der Notation einzuspielen. Wir brachen ab und widmeten uns einer Vokalaufnahme für ein anderes Stück. Und wie die Beiden auch noch singen können! Jedenfalls bat ich George (Ricci), sich das dritte Stück aufmerksam anzuhören und die Partitur zu schreiben, was er auch bereitwillig tat. Damit haben wir sogar die Grundlage auf Papier für die nächste Session. Damit stellt sich die Frage, was noch fehlt. Cello, ja, und eventuell Klarinette. Mal sehen. Eventuell werde ich für die Sampler aus gestimmtem Stimmengewirr Flächen bauen.
 

 
Weitere Orchestrierungen

Valérie Benelli hatte etwas Zeit übrig – auch das scheint es in der heutigen Zeit zu geben! – und war voller Elan, an einem Musikprojekt zu arbeiten. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Nachdem die Windows-Sonettes so lange im Dornröschenschlaf verbracht hatten, erfuhren sie ein großes Update [13. Oktober 2020]. Damit bewegten sie sich zu einer noch intensiveren Orchestrierung. Wir legten gemeinsam einige Flötenspuren hinzu: Querflöte und Blockflöte, mit einem Schoeps CM640 über einen Audio Upgrades Preamp, um eine lineare Aufnahme zu erhalten. Flatterzunge, Vibrato, alles kam zum Zug. Nun gilt es, die Flöten in der Aufnahme unterzubringen und dabei die Balance zu erhalten zwischen der Orchestrierung und der Schnörkel von Ribals Bratsche, die sehr intensiv sein kann. Es folgen weitere Streicher.
 
Aber auch hier: Es ist nicht zu unterschätzen, wieviele Putzarbeiten man an einer Aufnahme machen muß. Eine ungeahnte Fülle von tiefen Frequenzen können sich hier verbergen und die Musik sehr unangenehm verfärben. Hier scheinen wir den Tücken der Querflöte zu begegenen, die hier heimlich Tieftönendes hinterläßt. Der Subwoofer ist da ein gestrenger Beobachter.
 
 
Valérie nach der ersten Zusatzsession: Äußerst zufrieden.

Valérie scheint zufrieden zu sein!


Audiodemo

The Symphonic Bits   Stand 16. Jänner 2021
 
Erster Satz


 
Zweiter Satz


 
Dritter Satz


 
Vierter Satz


 
 

Ribal Molaeb an der Bratsche.

Ribal Molaeb an der Bratsche. Musikakademie Wien.
 
 
Einer meiner Besuche in Wien führte mich an die Musikakademie, wo ich den Bratschisten Ribad Molead aus dem Libanon kennenlernte. Wir erhielten dort ein Übungszimmer, wo wir Aufnahmen machten. Später kam er sogar nach Basel, wo wir die Bratsche für die Windows Sonettes aufzeichneten.
 
 
Anina an der Geige.

An der Violine: Anina Schärer.

Windows. Fenster. So wie der Blick in einen Traum, eine der mentalen Existenzebenen: der Traum. Die Schaufenster in Paris sind nur eine unzulängliche Illustration. Die Zeichnung des Illustrators trägt schon einiges mehr bei zu einer Annäherung an das Unterbewußtsein, in dem sich ein Teil von unserem Leben fast unbemerkt abspielt. Der Traum stellt so ein Fenster dar, eine solche Brücke über die man dorthin gerät und kaum die Landschaften dort erkundet, denn sehr früh wacht man wieder auf und beginnt schnell wieder zu vergessen.
 
Das Lama nibbelt am Schwingungssummierer. Das Gate läßt sich über Drehregler steuern. Wird jemals die Reise in den Träumen zu einer Ankunft führen? Wenn ich träume, bin ich immer auf Reisen. Window Pane hieß in den Siebzigern eine Sorte LSD. Was mit dem heutigen Drogengebrauch nicht mehr zu vergleichen ist, ist die damalige Handhabung: Es ging um ein Fenster ins Mind. Es ging nicht um Drogengenuß, es ging um Bewußtseinserweiterung. Um das Aufstoßen eines Doors of Perception.
 

 
Ein Demel-Fenster, Blickfang am Graben.
Auch hier geht es um ein Fenster ins Mind. Diese Wegbegleitung startet recht alltäglich, orchestriert wie irgendein anderes Stück. Aber nach und nach tauchen blaue Blumen auf. Die Wahrnehmung nimmt einen anderen Lauf. Wie die Wahrnehmung im Traum anstandslos akzeptiert wird, so bemerken wir in dieser Situation, daß die Wahrnehmung unmerklich eine Grenze überschreitet. Das ist unser Shopping. Wir stehen selbst im Schaufenster. Es ist, als würde man mitten in der Szene eines Schaufensters der Konditorei Demel in Wien stehen. Mitten in einem Schauspiel aus märchenhaftem Schabernack und kunterbunten Süßigkeiten. Das ist das Spannende daran, irgendwann wird es "Plopp" machen und es wird nach diesem Klick die Welt hoffentlich eine andere sein, eine soo gut andere.
 


George layert Tiefen, die Badner Singvögel aus dem kalten Februar 2017 zwitschern Background Vocals und diverse andere Audioputzarbeiten

Zwar liegen Diagramme vor, Reisen (nach Wien), Versionslisten (liegen nicht vor, bilden dennoch warteschlangenähnliche Gebilde), aber das Archiv liegt vor: das was die zukünftigen Vorhaben mit dem Getanen und Abgelegten verbindet. Die Stücke sind nach Jahren unfertig, sogar unbeholfen gehobelt. Die Hauptfrage: Was fehlt da wohl noch? Höre ich auf den Klang klassischer Stücke, kann ich mich nicht daran messen. Zwei Gründe spielen eine Rolle. Es fehlt die Ausbildung, es ist eindeutig, ich bewege mich da am Grenzposten, der Klassikland und Popland voneinander schützt und mir fehlt das Ausweispapier. Alle Grenzposten geben vor, ein Land zu schützen hier ist es nicht anders. Es gilt, die Vorgabe zu umgehen und die übliche Schmugglerroute zu verfolgen. Und es fehlt mir die Hörgewohnheit. Es ist nicht so lange, daß ich so bewußt wie möglich, Klassik höre.
 
 

 
George im Studio, notierend.
George als Jazzmusiker ist der Notation näher. Und es liegt auch an seiner Natur, daß er zeitlebens alle musikalischen Färbungen durchforstet hat, nur mit er Elektronik hat er etwas Mühe. Die Einfalt der 80er Jahre hat ihn da in die Flucht geschlagen. Ständig suchte er sich einen Platz ganz vorne in einem Konzert, um zu beobachten, was denn die Leute da auf der Bühne machten. Und die ganzen jungen Keyboarder in den 80s Bands spielten ihm da zu oft mit je einem Finger pro Hand. Also war es eher interessant, die Arrangements in den Filmen, die mit "echten" Instrumenten daherkamen, näher zu analysieren. Ich mußte nicht zweimal fragen, um ihn für etwas Fundament für meine symphonischen Dichtungen zu gewinnen. Baßklarinette, ja. Jedes Instrument hat seine Klangfarben, und hier gab es auch die Pros und Contras.
 
Keine Ausnahme: Jedesmal, wenn jemand an einem Stück mitmacht, verändert sich die Natur des Stückes. Aus einfachen Skizzen werden immer komplexere Kompositionen. Mit der Baßklarinette kamen wieder neue Musikflocken aber auch Klangfarben hinzu. Das ist vor allem am ersten Satz deutlich hörbar, das Wusseln der Blasgeräusche, die bei sanft gespielten Blasinstrumenten so auffallend sind, machen sich hier leider unsanft bemerkbar. Mit einer Verlagerung dieser Beiträge an einen anderen Ort des kompositorischen Geschehens werden sie abgefangen, indem sie eine andere Aufgabe erhalten. Gleichzeitig kann man durch entzerren, diese Artifakte entschärfen und am gleichen Ort erhalten. Der Möglichkeiten gibt es viele. Do do.
 
So hatte sich auch der zweite Satz verlängert. Georges Beiträge fanden einen neuen Ort am Anfang des Satzes, zusammen mit einigen Takten Valerie auf der Flöte. Es bot sich an, ein Wald- und Wiesengeschehen zu zeichnen. Da griff ich auf einige ältere Videoaufnahmen zurück aus Baden bei Wien. Die ursprüngliche Idee, eine Aufnahme mit Grillen einfließen zu lassen, verwarf ich wieder, da im dritten Satz ein Synthesizerklang mit Grillencharakter auftaucht. Ich hatte aber eine eher ruhige Aufnahme mit einzel auftretenden Vogelrufen aus der Umgebung der Ferdinand Raimund Aussicht herausgesucht, die diese Stimmung noch viel besser vermitteln konnte.
 
 

 
Vogerl Backgroundvocals. Ferdinand Raimund Aussicht in Baden.
 
 

 
Partitur: Aus MIDI wird PDF.
Viele unserer Audioprogramme verbergen Möglichkeiten, die uns gar nicht bewußt sind. Zwar hatte ich das, was ich nun am Logic entdeckte, schon lange im Hinterkopf gehabt, kam aber nie so richtig dazu, das auszuloten. Da ich nicht des Notenlesens kundig bin – jawohl, ein großes Manko meiner Allgemeinbildung und, ich gebe es zu, ein genauso schwerer Hemmschuh für komplexe musikalische Architekturen –, mußte ich etwas erfinden, damit ich nicht so nackend dastand, wenn ich Musiker engagierte, meine Stücke zu ergänzen, denn mit einem Papier, auf dem Stand, was sie tun oder einzuüben hatten, war ich selten gesegnet. Da kam mir George zur Hilfe. Aber auch hier mußte er sich in dem Frequenzengewühl zuerst zurechtfinden. Gewisse Schritte mußte ich vereinfachen.
 
Doch, was, wenn – ? Wenn ich jene Teile mit einem MIDI-Keyboard einspielte und dann könnte ich ja, wenn ich die erweiterten Werkzeuge in den Preferenzen aktiviert habe, die Taste "N" drücken. Logic zeigt mir das Eingespielte als Notation. Und das kann man wiederum als PDF exportieren. Heureka! Computergenerierte Knödel, die von Musikern gelesen werden können. Ich werde es nie schaffen, Noten zu lernen. Ich bin so beschäftigt mit Frequenzen, Dynamiken, unwirsch reagierenden Lautsprechern und Audio over IP, bzw. PoE und ähnliches – mir reicht die Zeit nicht.