Studio Project    The Chimney Topples 



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Die Nähe der Sterne zum Meer


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TheChimneyTopples06.zip

(AIF, 48 kHz, 56.7 MB)
 
 

 

 
Hier ein paar Mitbringsel aus Rio. Ein paar Umbanda-Glocken und zwei Statuetten.
 
 

 
Literatur: Wissenschaftliche Arbeiten, etwas von Hubert Fichte und diverse Gebetsbücher.
 
 

 
Die Schallplattenhülle für "Canto De Oxum". Diese zeigt eine Mãe-de-santo mit den rituallen Glocken.
 
 

 
Eines der stärksten Alben der Maria Bethânia.
 
 
 

Der Sturm, der nur gewaltige Stille ist
 
Was entand hier bloß? Wohl eine Erinnerung, durchwegs verklärt, und damit dem Tatsächlichen sehr nahe. Wohl ist das gut gesüßte Bild, das wir uns machen, wenn wir singen, wenn wir musizieren, malen und schreiben, nie das Bild der Wirklichkeit, sondern nur eines, das in unserer Vorstellung entsteht, dennoch ist diese Überwirklichkeit dem Tatsächlichen näher als die Dokumentation. Die Dokumentation ist kalt und berechnend, die Dichtkunst dem Traume näher, so wie wir im tatsächlichen Erleben dem Traume oft auf erschreckende Weise nahkommen. Rundum, auch an einem so malerischen Ort wie Bahia, umgibt uns die Brutalität des Lebens, mit der wir klar kommen müssen. Und doch ist der Traum da, die Poesie, das Liebliche und das Magische.
 
Etwas Magisches hatte sich in mir gerührt und das, was ich erfahren hatte, dieses Wenige, das in mir blieb, war zum Vorschein gekommen. Es ist ein Musikstück, das mich daran erinnern will, daß ich sah wie eine Candomblé-Priesterin farbiges Puder am Pelourinho ausstreute. Und so plötzlich wieder weg war, wie sie erschienen war. Das war alles.
 
Es war so magisch wie die Sterne nah waren, so erschreckend nah als würden sie mit den Wellen schaukeln, die während dieses dunklen Abends in Barra die Luft mit ihrem Rauschen erfüllten. Dabei waren diese Sterne ja Lichtjahre entfernt. So schwindet in der Magie jede Entfernung.
 
***
 
Hier war dieses Musikstück. Gitarre, Synthesizer. George kam vorbei mit Valérie. Sie machten wunderbares hinzu. Und ich spielte dazu mit Congas, Agogos und einer kleinen Cuica, die ich vom Feira Hippie de Ipanema hatte. Sie war schon so alt, daß das Fell gerissen war, das ich notdürftig mit Gaffa geflickt hatte. Und George wollte Baß dazu, Elektrobaß. Wirklich? Wir haben schon soviel Baß mit der Quica. Ja, wirklich. Und George zauberte Baß. Wir zauberten die gewaltige Stille, die hinter dem Tosen der Wellen zu Bahia liegt.
 
 
***
 
Linha de Iemanjá
 
Chamada
O lírio é uma flor ...
Nasceu a beira d'água
Na água se criou
Oxum, Oxum
Oxum Maré
Oxum, Oxum
Oxum Maré
 
Chamada
Atraca, atraca
Quem vem na onda é Nãnã
Atraca, atraca
Quem vem na onda é Nãnã
É Nãnã, é Oxum
É quem vem Saravá êâ
É Nãnã, é Oxum
É Oxum é Nãnã
É a sereia do mar, êâ
 
Descarga
Baixou, baixou
A Virgem da Conceição
Maria Imaculada
Pra tirar as perturbações
Se tiveres praga de alguém
Desde já seja retirado
Levando pro mar ardente
Pras ondas do mar sagrado
 
 
Marcos Scliar, Pontos Cantados de Umbanda
 

The Chimney Topples   Version 5
 
This text will be replaced
 
 

 
Edward im "indianischen" Gewand, umgeben von den mystischen Arbeiten brasilianischer Künstler. Salvador, 90er Jahre.
 
 

 
Valerie und George ergänzen die Aufnahmen mit wunderschönen Sätzen für Flöte und Klarinette.
 
 

 
Die Landkarte zum Zentrum von Bahia.
 
 
Cast & Technicalia
 
Tokai Humming Bird 100 F 12 String Guitar
Edward Mickonis
Mic: Calrec CM656; Preamp: Fireface UC
 
Zebralette Synthesizer
Edward Mickonis
Presets: Shooms a go, Grand Entrance, Isomer; Output: Steinberg UR22; Preamp: Demeter VTMP-2a
 
Waves Electric 88 Piano
Edward Mickonis
Output: Steinberg UR22; Preamp: Demeter VTMP-2a
 
Eastwest Hollywood Strings Gold Edition
Edward Mickonis
Output: Steinberg UR22; Preamp: Demeter VTMP-2a
 

 

Flute(4 Spuren)
Valérie Benelli
Mic: Blue Neumann-RFT-Style Bottle Mic; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
 
C Klarinette (3 Spuren)
George Ricci
Mic: Neumann TLM127; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
 
Percussion
Edward Mickonis
Aspire Quinto, LPClassics Tumba, AGoGo Glocken, Pandeira, LP Aspire Bongos, Shakers, Regenrohr
Mic: Neumann TLM127; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
 
Quica
Edward Mickonis
Mics: Neumann TLM127, AKG D224E; Preamp: Forssell SMP-2b
 

 

Drums
Edward Mickonis
Rimshot: Mic: AKG D224E; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
BD: Mic: AKG D3500; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
 
Additional Congas
Edward Mickonis
LP Aspire
Mic: AKG AKG D224E; Preamp: Audio Upgrades Reference Preamp
 
Tanglewood Electric Bass 2 Spuren
George Ricci
Verstärkung: BBE BMax Vorverstärker, Warwick ProFet Amp
Glockenklang Space Deluxe Speaker; Mic: Schoeps C640; Preamp: Demeter VTMP-2a
NoName 21" Speaker; Mic: Neumann TLM127; Preamp: Demeter VTMP-2a
 

 



D ie Brasilianer scheinen ihre eigene Kultur zu vergessen. Die Gewalttätigkeiten, die Unruhen, die Politik und die elende Neuzeit scheint alles auszumerzen, was tief und wertvoll im brasilianischen Volk verankert war. Die hier kaum bekannte wunderbare Sängerin Maria Bethânia hat ein Leben lang dieses ureigene brasilianische Lied gesungen und schon immer das repräsentiert, was ich hier unbeholfen auszudrücken versuche. Sie schöpft aus der Fülle dessen, was ich nur von weiter Ferne erahnt hatte, nicht mehr als nur der Ahnung fähig war, obwohl ich an jenem Ort war, der Nabel und Zentrum dieser Kultur ist.
 
Es hat Erinnerungen in mir wachgerufen, diese schlummern im Verborgenen und nur selten kommen sie wieder hervor. Sie entstammen zweier hilfloser Versuche, sich diesem Gemisch aus Katholizismus und afrikanischer Kulte anzunähern. Bücher helfen kaum weiter, das Studium der Mystik ist ein lebendig Ding. Und ebenso gefährlich. Der Reiz, dieses Unbekannte zu berühren könnte zu einer Gefangenschaft führen. "Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los." * könnte es heißen, denn die Macht der Geister ist zwar nichtig im Universum aber gewaltig einem Menschen gegenüber, der nicht den Stand und die Erfahrung hat, diesen zu begegnen. Und sind es Geister, die schon Ewigkeiten im Bardo sind und von dort aus wirken, dann ist das Gefängnis auch ihrer.
 
Wo ist hier die Grenze zu ziehen zwischen dem Reiz des unirdischen und der magischen Schönheit jener Musik, die so sehr verwandt ist mit dem Synkretismus des brasilianischen Glaubens? Verwandt, weil die Glocken und Trommeln dieser Musik dem Rufen und Erfreuen dieser Geister dienen. Soll es bei einem perkussiven Jazz oder Rock bleiben, wie wir diesen von Santana her kennen und sehr wohl schon als Easy Listening konsumieren können? Eher weniger einfach ist das musikalische Gut eines Carlinhos Brown, auch dieser ist bei uns kaum bekannt. Oder soll man näher herangehen an die Lebensweise, die zu ihrer persönlichen Obhut die persönlichen Lebenspfade ableitet von den Weisungen einer Mutter oder eines Vaters, die als Orixa gelten: einer Gottheit, deren Radar uns nicht sichtbar sein kann, oder nur angedeutet ist, in einer Sprache, die uns nur rätselhaft sein kann.
 
Und die Instrumente! Seien es die Agogo-Glocken und die Quica, die ich vom Feira Hippie de Ipanema mitgebracht hatte, oder das Regenrohr aus Salvador: Diese sprechen ihre eigene Sprache, entwickeln einen eigenen Klang, ein Klang, der einer Anrufung gleicht. Die Glocken oszillieren wie der Schritt eines Geistes über den Wassern und die Quica grummelt wie das tiefe Grollen eines Macacos, der mit seiner Tierseele anderen Tierseelen zuruft.
 
Plötzlich brach die Erinnerung hervor, vom Anblick des Himmels und der Sterne über den Wellen, die abends Salvador erreichen, eines Himmels der so nah erscheint, so viel näher als in Europa.
 
     Edward, 26. März 2019
 
 
* "Der Zauberlehrling", Johann Wolfgang von Goethe

São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Heiliger Erlöser an der Allerheiligenbucht).
 
Die Allerheiligenbucht.