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Der Glaspalast


Es ist für so manchen von unendlicher Wichtigkeit, Künstler zu sein. Das Künstlersein und die Arbeit des Künstlers unterscheidet sich von allen arbeitsamen Tätigkeiten in nur einer Hinsicht: Entwendet man das Produkt des Künstlers der Welt, ist niemandem geschadet, seine Arbeit ist nicht lebensnotwendig, seine Tätitkeit beruht auf eine freiwillige Basis und es gibt keinen Grund, die Bedürfnisse eines Künstlers zu unterstützen. Er ist kein Arzt, also wird niemand sterben oder leiden, wenn es ihn nicht gibt; er ist kein Bauer, es wird zu essen geben, wenn es ihn nicht gibt; er ist kein Handwerker, es wird niemandem das Dach fehlen, wenn es ihn nicht gibt. Wer braucht schon einen Künstler? Schon Mao hatte erkannt, daß es für die Existenz eines Volkes nur eine Einheitskleidung geben muß und keine Mode. Es gibt keinen Grund für Mode oder Tracht. Ich will hier nicht diesen Pseudostaat namentlich erwähnen, der ohne Musik existieren kann. Unter der Herrschaft Karl des Großen wurde der Versuch unternommen, Kleinkindern alles Lebensnotwendige zukommen zu lassen außer Liebe und Zuneigung. Sie starben alle.
 

Der Künstler wird als Visionär geboren. Daß er eventuell Erfolg hat, hängt von seinem Karma ab. Es kann sein, daß ein Pianist aus Boswilligkeit des Amts zur Steinbrucharbeit abkommandiert wird (was vor nicht allzulanger Zeit in diesem Dritten Reich geschah). Generell ist aber dem Künstler etwas besonderes in die Wiege gelegt worden. Etwas, was so spirituell ist, daß dieses Etwas in jeder Form etwas darstellt, das die größten Idioten als Wert erkennen können: natürlich mit der nötigen Beihilfe der Werbung, es bedarf in diesem Falle einer gewissen Unterstützung und Manipulation, etwas schwarze Magie, damit der Groschen fällt. Und so wird der Masse Kunst schmackhaft gemacht. In vielerlei Fällen wird die eigene Hilflosigkeit gegenüber jeder Form der Kreativität in die Pseudowahrnehmung der Werke eines Anderen hochsublimiert und damit comfortably numb gesetzt. Was bleibt ist die Illusion, mit der ein Künstler finanziert werden kann.
 
Am Anfang steht eine ungelenke Gefühlswahrnehmung. Es ist nicht nur Wahrnehmung, das Wahrgenommene steht in unmittelbarer Verbindung mit einem Empfinden, mit Bedürfnissen und mit dem Drang nach Erlösung von unserem Elend. "Der Prophet gilt in seiner Heimatstadt nichts." heißt es in der Bibel. Der Künstler und der Prophet sind ein und dieselbe Person, wenn auch der Künstler oft nur die Rolle Johannes des Täufern übernimmt, denn der der nach ihm kommt, wird noch viel unverständlicher sein, da dieser in seiner Mission die Menschen dazu befähigen muß, daß sie nach dem Durchschreiten der Pforten der Wahrnehmung lebens- und erlebensfähig sind, wenn dann die Pforte des Rückwegs geschlossen wird.
 
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Genre



Was es alles sein kann: Eine Photographie, eine Zeichnung, ein Gedicht, ein Songtext. Das Buch der Grüße ist das Buch des Wachsens. Hier sind die ersten Seiten, erwachsen wie die Schneeglöckchen; alle tragen das gleiche Kleid, aber ihre Gesichter sind so verschieden wie die Gesichter der Menschen, nur können wir sie nicht voneinender unterscheiden wie wir die Menschen untereinander unterscheiden können.
 
Das Buch der Grüße


Ein wahrer Künstler lebt in einer Empfindungs- und Erlebniswelt, die seine Wahrnehmung zusehends in den Schnittpunkt zwischen Präzision und Übertreibung oszillieren läßt. Wohl jenem Künstler, der in dieser Situation seinen Glaspalast erhalten hat, in dem er sich von den Ansprüchen seiner Gratwanderungen erholen kann: überhaupt existieren. Wie ein Fisch im Wasser (das Sternzeichen der Fische sind die Künstlernaturen) muß er immer wieder, etwas im Inneren drängt ihn dazu – wie es auch die Mahayana-Buddhisten tun – in den Luftbereich hinaus, um denen, die über den Boden kriechen, die weder fliegen noch unter dem Wasser überleben können, von der Leichtigkeit zu erzählen. Aber auf dem Boden ist ewiger kaltblütiger Krieg, ist Futterneid, Politik, Verständislosigkeit, Beschränktheit und Hartherzigkeit, eine endlose Liste von Scheußlichkeiten, die bewirken, daß alles Fremde von vornherein bedrohend erscheint und damit beschossen werden muß. In solchen Kreisen muß vor der Feinfühligkeit der Muse gewarnt werden, diese ist in letzter Konsequenz ohne Wenn und Aber zu vermeiden.
 
Künstler sind Frontkämpfer, die sich ohne Waffen vor die Menge stellen, um dieser die ersten Schritte der Liebe zu lehren. Und doch, wie paradox: Desto tiefer ihre Kunst, desto unverständlicher wird sie und damit umso bedrohlicher. Der Künstler – ein Flugfisch, wenn er die Welt der Kriecher besucht – liegt im Schützengraben.
 
 


Die Zeichnung
Mir werden die Zweihundert Jahre fehlen, daß ich endlich malen kann. Wobei Malen was Schönes ist und ich sehr gerne male. Aber so zu malen, wie ich es gerne ausführen würde, dazu müßte ich vermutlich die alten Meister studieren und dann grundieren, skizzieren, mit Eitempera anfangen, Zwischenfirnis darüberlegen und dann lasierend in Öl weitermachen. Tag und Nacht und dann Wagner aus den Öltuben drücken. Also bleibt es beim Althergebrachten. Wenn es die Zeit erlaubt, dann entsteht eine Zeichnung. Und wenn natürlich die Muse zu Besuch ist, inzwischen ist das Seltenheit geworden. Es ist klar, die Töne brauchen viel Zeit.
 
Aber immer wieder – es sei den Institutionen wie der Albertina gedankt – erhalte ich Gelegenheit, die Werke meines Abgotts Alfred Kubin zu bewundern. Und auch andere Werke zu betrachten, sofern ich noch aufnahmefähig bin, denn das sorgfältige Studieren der graphischen Kunst ist etwas, was mich sehr in Anspruch nimmt.
 
Dennoch habe ich auf den großen Tisch immer Tusche, Feder und Pinsel parat, und auch einen Block irgendwo in der Nähe. So entstand auch 2014 die Zeichnung "The Guest", ein Selbstbildnis vor meinem Tisch mit all den Artifakten, die es zum Leben braucht. Alles ist sehr wirklich und unwirklich zugleich, denn es ist auch die Illustration zu einem Song, an dem ich arbeite, über einen Fliegenden Holländer, und so sind wir hier in der Kapitänskajüte auf dem Schiff während des Flugs über die Wolken.
 

Die Linie. Das Hell-Dunkel des Lichts. Die Möglichkeiten, mit Linien und mit etwas Wasser, um die Tusche, das Umbra, zu verdünnen, um dann Tiefenwirkungen zu erzielen, ist genial und für mich Photographie in Slow Motion, allerdings mit dem riesengroßen Vorteil, daß man damit seine Träume photographieren kann. Die Träume sind wichtig und unsere Beziehung zu ihnen. Glaubt man den altbuddhistischen Schriften, so ist die Traumebene der nächste Schritt der allgemeinen Existenz. Da geht es nicht mehr um Stein und Schwerkraft. Da geht es um die Schöpfung aus dem Geist. Und genau das tun wir Zeichner und Maler. Zwar orientieren wir uns an der "handfesten" Wirklichkeit, tauchen diese aber vorher in die Traumwelten ein, bevor wir sie im Zeitlupentempo zu Papier bringen. Aber dann ist wieder ein Stück Traum zu sehen, für uns und für jeden, der auch zuschauen möchte. Ist das nicht faszinierend, so ein Fernseher ins Surreale?
 
 
 

 
 


Glas von Richard Budischowsy und rostige Kanne.
 



Budiglas, Detail.
 




Musterseite Plattenbuch mit Synthesizer Cheat Sheet.
 




Musterseite Plattenbuch mit Sarod.
 

Die Kunst, wie schön sie ist!
 
Budi.
... ist nicht mehr unter uns. Das ist schlecht für die Welt, denn es fehlt einer der witzigsten und gleichzeitig ernsthaftesten Künstler, die die Welt je gesehen hat. Eigentlich hatte er alles, was er tat, mit todesverachtender Ernsthaftigkeit betrieben und doch – weil ihm der nötige Manager fehlte – war es ihm nicht gegönnt, von seiner Kunst vernünftig zu leben. Es fehlte ihm an Verständnis von offizieller Seite her und auch an jemand, der seine Ausbrüche verstand und dementstprechend richtig reagieren konnte. Er brauchte eine solche Autorität, und wenn sie nicht da war – und sie war praktisch nie da – da hatten seine Ausbrüche freie Bahn und rissen ihn mit, weil es nicht anders geht, wenn man so hohe aber gerechtfertigte Ansprüche am Leben hat. Seine Lebensbejahung war grenzenlos: Wenn er den Wert einer Sache sah, dann legte er sein Leben darin nieder. Wenn aber etwas in seinen Augen auch nur Durchschnitt war und damit bestensfalls dazu diente, uns die Zeit zu stehlen, dann wischte er sich mit dieser Sache gerade noch das Hinterteil ab. Da war er kaltblütig und war auch dazu bereit, sich dafür voll ins Abseits zu stellen.
 
Nie hatte der Markt die Schönheit seiner Glaskunst begriffen. Nie hatte der Markt oder einer, der auf den Markt Einfluß gehabt hätte, den Wert seiner Arbeiten erkennen wollen: diesen Makrokosmos, der sich in seinen Arbeiten als Mikrokosmos abgebildet hat. Seine Arbeiten, wie auch er selbst, waren Teil der Natur, die er über alles hob, die er kannte aus dem Gurgeln und Rauschen der Schwechat, die an seinem Garten vorbeifloß, der Natur, die man in den mannigfaltigen Lichtern bewundern kann, die in seinem Glas in ewiger Bewegung sind. Erst in den Wanderungen des Sonnenlichts erfahren seine Werke das Licht, das sie brauchen, um präsentiert zu werden: Es wird dieses Thema noch viel Wort und Bild erhalten.
 
Bücher für die Schallplatten.
Sie sind ja ganz nett und ganz nützlich, aber eigentlich hasse ich CDs. Sie sind klein und mikrig und enthalten nur den Bruchteil von dem, was Künstler erschaffen.
 
Ich will hier nicht von der Tonqualtät reden, über die ist schon genug Diskutiert worden, das Thema ist noch lange nicht dort angekommen, wo es sein soll. Es geht hier viel mehr um das Format. Die Großzügigkeit, mit der die Schallplattenhülle dem Interpreten, den Graphikern, den Photographen und den Textern Platz zur Verfügung gestellt hat, wurde zu einer Briefmarke reduziert. Texte können nur mehr mit der Lupe gelesen werden. Der Download? Der Download berührt nicht und riecht nicht. Er ist auch kein Tonträger, der sorgsam behandelt werden muß, auf dem sogar eine gestaltete Etikette klebt. Der Download ist kein Album, in dem ein Heft stecken kann, mit etlichen Seiten voller Bilder und Texte. Ja, ich bin dabei, Zusammenfassungen zu erstellen, in Bild, in Wort, in Ton, eventuell sogar mit dem laufenden Bild. Das Plattenformat ist ideal, es ist ein Quadrat wie ein Mandala: Sein Inhalt ein Universum. Damit habe ich Spielraum, um dem nachzugehen, was ich gelernt habe: Schriftsetzer. Und schreibe, von diesem Spielraum umrahmt, mein eigenes Buch, meinen eigenen Bildband. Diesen Band kann ich jemand geben, darin kann eine Schallplatte sein, die man hören kann zur Betrachtung der großformatigen Bilder, während man die Texte liest und erfährt, wie diese Aufnahmen (in Bild und Ton) zustande gekommen sind. Und dann kann man das Buch wieder in den Schuber legen und als Band in seiner Bibliothek bewahren.