Eine Zeitlang verbrachte ich Weihnachten und Neujahr in Paris. Die Metro-Strecke von Étoile nach Barbès - Rochechouart kannte ich schon fast auswendig, da ich regelmäßig ins Barbès fuhr, sei es auf der Suche nach einem Kora-Spieler oder auch um in den hochinteressanten Läden dort zu stöbern. Ganz besonders angetan hatten es mir die Kräuter- und Kramläden, denn dort hatte es die absonderlichsten Artifakte, von Lebe-Lebe (afrikanischem Eukalyptus) bis hin zu den Gris-Gris (Zauberbeuteln), die man dort bestellen kann. Und natürlich die wunderbaren Stoffe, so zB. die blau gefärbte afrikanische Baumwolle, die an Tragekomfort der amerikanischen weit überlegen ist. Das Photo zeigt ein Regal aus dem Laden "Sahara".
 
 
Zwei Narrische Offn
 
Das sind zwei verrückte Affen, die sich in die Website heimlichst eingeschlichen haben.
 
Das wichtige Buch
 
Es war ein Weihnachtsgeschenk, das Schwarze Buch, so erinnere ich mich. Ich hatte schon solche Bücher gehabt, sie wurden mir immer nahe gelegt. Und sie sind für die Reflexion das Wichtigste, das wir haben: Die Tagebücher.
 
Das schwarze Buch hält Kritzeleien fest, die überall entstanden sind, auch im Traum. Also nach dem Traum schnell das Buch suchen und aufschreiben, bevor die Traumerlebnisse weg sind, verflüchtigt. Es sind alles Protokolle in Kunstform, alles, was man vergessen könnte und das wäre tragisch.
 
Eine Seite aus dem Schwarzen Buch.
 
Eine Seite aus dem Schwarzen Buch, Aphorismen und Teerezepte.
 
Ich hatte es sogar einmal im Cafe Museum nahe der Oper liegengelassen und war schon dabei, alle Fundamte abzuklappern. Als ich im Cafe Museum nachfragte, da hat der erste Kellner von nichts gewuß, da fragte aber der zweite Kellner: "Is' des do?" Und mir fiel ein Stein vom Herzen. Diese Bücher sind so wichtig, sie enthalten alles, was sonst verlorengehen könnte. Parallel dazu führe ich weiterhin diese Freßzettelwirtschaft, aber die ist nicht so kompakt wie die Bücher, besonders die gebundenen. Sie scheinen dennoch nicht nur von den Seiten her, sondern auch vom mentalen her ein gewisses Limit zu haben. Plötzlich versagt ihr Fassungsvermögen und ich muß mir schnell ein neues Buch suchen. Dann gehe ich zum Beispiel in die Schreibwarenhandlung am Hauptplatz und suche ein Heft ohne Linien und ohne Karomuster (die stören beim Einscannen). Und ja, dieser scheußliche Umschlag, der ist vorgeschrieben, es sei ein offizielles Schulheft. Aber ich brauche ein neues Buch. Ich habe jetzt das scheußliche Heft.
 
Ich kann einem jeden ein so ein Reflexionsbuch empfehlen, wenn man halbwegs wach durch die Welt wandelt, dann braucht man sowas, um für spätere Kontemplationen die Gedanken zur Verfügung zu haben, die man sonst vergessen würde. Auch das ist eine Arbeit: die Zusammenfassung und Kommentierung der Niederschriften in den Büchern.
 
 
 
Blick auf Baden bei Wien mit Beethoventempel.
Die Manie Baden
 
Es ist sehr einfach, diesen Ort zu hassen, er ist kleinkariert, konservativ, beschränkt und das Stadtzentrum völlig verschandelt. Und doch ist er wie das Zentrum der Welt.
 
Im tiefen Winter konnte ich es nicht lassen, mit neu erstandener 12-saitiger Gitarre zum Beethoventempel hinaufzugehen und dort einige völlig vertimmte Melodien aufzunehmen. Es ist weniger gefährlich als Surfen und klingt am Ende doch recht repatierlich.
Rechts: Blick über Baden vom Beethoventempel aus.
 
Eisige Temperaturen, verstimmte Saiten. Das schreckt keinen echten Musiker ab. Gitarrenaufnahmen am Beethoventempel, Februar 2016.
 
Session im Winter.
 
Es ist für mich völlig unmöglich, mich vom Zauber dieses Ortes zu befreien. Wozu auch? Die Natur hatte ihn gestaltet und die Menschen pflegen ihn liebevoll weiter. Und überall, begeht man die Wege und Stege, begegnet man den vielen Tafeln, die zum Angedenken der musischen Seelen angebracht sind, die hier gewirkt hatten. Es beginnt schon im Kurpark selbst, wenn man der Mercedes in Marmor begegnet, ja, eben dieser Mercedes, die ihren Namen an das Auto gab, die Modell stand für die Udine am Brunnen neben dem Hotel, das die Stones beherbergte, weil sie in Wien niemand haben wollte. Und weiter, wenn dann die Parkwege allmählich übergehen in die Wanderwege des Wienerwaldes, dann erklingt Musik in meiner Seele. "After The Goldrush" höre ich, und Who und vieles Andere mehr. Und dann wird es still, dann höre ich das Rauschen des Windes, wellenartig, von ewiger Präsenz. Das Rascheln der Blätter, die im Herbst zuhauf auf den Wegen liegen, die man durchwatet. Die Formen der Wurzeln, die sich an und neben den Felsen ihre Wege bahnen. Die Brandung der Grillen. Das Licherspiel. Unten drunter, unter mir ist die Erde aus der ich bin.
 
 
Buchbetrachtung
 
 
Ein Teil der Buchsammlung, zentral Srimad Bhagavatam und Shiva Purana neben den Aghori-Bänden.
 
Bookshelf.
 
Man verbringt sein ganzes Leben im Exil. Es ist ein ungeborenes Strampeln in einem Gefängnis aus Dumpfheit. Es bieten sich zwei Lösingsansätze, den Schmerz der Gefangenschaft zu unterdrücken, entweder sich auf das Vergnügen zu stürzen, so intensiv und so lang es geht oder ... Oder was? Es scheint keine eindeutige Antwort zu geben. Alle spirituellen Regeln scheinen zu versagen. Sie sind nur Regeln. Destilliert man aus den uralten Schulungen die Regeln, dann bekommt man das, womit sich ein jeder, der sich in der Eso-Szene einen Namen macht, profiliert und gebraucht, um seine zwielichtigen Erfolgssprossen hochzuklettern. Mit Halbwahrheiten zementiert man kein Gebäude. Stefan Fraunberger, einer meiner Mitmusiker, der Arabisch studiert hat, beschrieb mir den Koran als unübersetzbar, da jede Übersetzung als reine Regelsammlung herauskommt. Die einzige Möglichkeit sei, diese Schrift mit den Augen und dem Empfinden eines Poeten zu lesen, erst dann werde man der Entschlüsselung der inneren Botschaften dieses Werkes handhaft.
 
Und so saß ich gestern Nacht im Lesesessel und betrachtete all die Bücher vor mir. Es sah aus wie eine Schriftensammlung, die man im Laufe eines Lebens als Ortsschilder begegnet, jede Schrift bildet den Hinweis zu einer eigenen Republik Kugelmugel. Jedes Buch kann der Anlaß zu einer Reise sein. Jedes Buch könnte dazu auffordern, eine bestimme Schule zu besuchen. Viele Bücher sind fiktiven Inhalts und können nicht wirklich nacherlebt werden. Viele Bücher handeln von fernen Welten in fernen Zeiten, von Göttern und Asuras. Einige Bücher sind reine Kataloge und könnten mich dazu verleiten, nach jahrzehntealten Erzeugnissen der Elektroakustik zu fahnden.
 
Einige Bücher sind wahre Schätze: Sie sind so geschrieben, daß sie nun Weltliteratur sind und in jeder größeren Bibliothek vertreten sein müssen. Aber: Was muß ich tun, um diese Erzählungen – ich erwähne hier Poe, E.T.A. Hoffmann, Meyrink, Gogol, Fouqué, Wilde – in Erfahrung zu bringen? Ich lese einen einzigen Absatz und bin verloren. Schon allein die Sprache ist so eindrücklich, und ich bin froh, so froh, daß ich Deutsch lesen kann, damit kann ich vieles im Original lesen. Mit dem Englischen sind meine Fähigkeiten wählerischer, aber es geht zur Not, sogar gut. Aber ich möchte diese Einschränkung "zur Not" beibehalten. Aber das auf Französisch entgeht mir leider, da muß ich leider zur Übersetzung greifen.
 
Und dann hat es noch all diese anderen Schriften, das ganze Srimad Bhagavatam in 12 Bänden und das Shiva Purana in 6 Bänden, das ich aus Katmandu mitgebracht hatte. Allein diese Schriften fordern die Dauer eines Lebens, diese auszuloten. Darüber hat es Baudelaire, Rimbaud, Bataille, Dylan, William Gibson, Bukowski. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, einen Band in die Hände zu nehmen oder sogar darin zu lesen. Ich verharrte in der Frage, was ich denn bloß machen könne, um diesen oft einzigen Absatz gebührend aufzunehmen, den ich manchmal zu lesen vermag.
 
21. Juli 2016

Und so ganz allgemein...
 
Das hier ist eine Schrift. Wie ein altes Buch, das mehr gezeichnet wurde als geschrieben. Ich möchte damit so nahe wie möglich an Schreib- und Setzkunst kommen, und das im Internet, auf einer Webpage, die für einen guten Bildschirm und gute Lautsprecher gedacht ist. Die Site richtet sich an Besucher, die sich die Zeit nehmen, sich in Ruhe den Inhalten zu widmen. Ihr könnt hier responsive Design vergeblich suchen, ich mühe mich nicht ab, um dann die Inhalte auf einer Streichholzschachtel präsentieren zu können.
 
Es braucht viel Aufwand, zu überlegen, was ich hier schreibe, zeichne und per Photographie, Tonaufnahme und Video auf dem Web wiedergespiegelt haben will. Jeder Gedanke ist überlegt, jede Aussage verlangt auch dem Leser die eigene Überlegung ab, so ist es gedacht. Es mögen Inhalte noch etwas unbeholfen erscheinen, noch nicht ausgereift, dennoch werden sie hier präsentiert, sie sind Teil des Flusses. Es ist ein Magazin, eine Reflexion persönlichster Art und ein Buch, ein Hör- und Filmbuch, das vom Einkauf bis zur Überlegung über den Tod führt: der Spanne des Lebens. Damit sind diese Inhalte für mich wertvoll und sollen es auch dem Besucher sein. Sollte ich diese Inhalte ohne mein Erlaubnis irgendwo anders antreffen, dann werde ich böse und dieses Böse wird Folgen haben. Sollte jemand durch diese Inhalte die Antwort auf eine Frage finden, die ihn schon lange beschäftigt, dann ist meine Aufgabe von gutem Ergebnis gekrönt. Auch ich bin dankbar für jede Orientierung.
 

 
 
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